Haltern am See. Die Verteilung von Vermögen und Einkommen in Deutschland wird von vielen Menschen als ungerecht empfunden. Milliardenvermögen und sehr hohe Einkommen sollten daher höher besteuert werden. Darin waren sich die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Vortrags „Tax the Rich – Demokratie geht nur gerecht“ im KönzgenHaus in Haltern am See weitgehend einig.
Referent Thomas Eberhardt-Köster, Mitglied bei Attac und im Düsseldorfer Stadtrat für Die Linke, stellte das Steuerkonzept von Attac vor. Seine Diagnose: In den meisten großen Industrieländern habe insbesondere die Vermögensungleichheit zugenommen; in Deutschland sei sie jedoch besonders stark gestiegen. Derzeit besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung 26 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland, die unteren 50 Prozent dagegen nur 2,5 Prozent.
Demokratie gehe nur gerecht, so eine der Kernthesen des Referenten. Wer über finanzielle Macht verfüge, habe auch mehr politische Macht als weniger wohlhabende Menschen. Die meisten Milliardäre hätten ihren Reichtum geerbt und nicht erarbeitet. Thomas Eberhardt-Köster macht dazu eine Rechnung auf: „Um auf das 50-Milliarden-Euro-Vermögen der BMW-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt zu kommen, müsste jemand mit einem Stundenlohn von 15 Euro in einem Vollzeitjob 1,9 Millionen Jahre lang arbeiten.“
Ohne die seit 1997 nicht mehr erhobene Vermögensteuer würden die großen Vermögen durch ihre Kapitalrenditen weiterwachsen. Das Attac-Steuerkonzept, so Eberhardt-Köster, sehe deshalb ausdrücklich vor, große Vermögen zu reduzieren und umzuverteilen. „Dem Staat sind seit 1997 400 Milliarden Euro Einnahmen entgangen“, sagte der Referent. Gelder, die man für Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, etwa in die Bahn oder den Klimaschutz, hätte nutzen können.
Auch bei der Besteuerung der Einkommen gebe es Ungerechtigkeiten. Nach Analysen des Netzwerks Steuergerechtigkeit zahlt eine Durchschnittsfamilie mit zwei Verdienern und zwei Kindern auf ein Einkommen von etwa 106.000 Euro 43 Prozent Steuern und Sozialabgaben. Bei gleicher Familienkonstellation zahlt die typische Einkommensmillionärsfamilie (1,6 Millionen Euro Einkommen im Jahr) dagegen nur 24 Prozent. Dieser niedrigere Steuer- und Abgabensatz ist darauf zurückzuführen, dass Millioneneinkommen nicht nur aus Arbeitseinkommen bestehen, sondern zu einem erheblichen Teil aus Kapitaleinkünften, Mieteinnahmen und ähnlichen Einkunftsarten. Diese würden geringer besteuert und mit weniger Sozialabgaben belastet als Arbeitseinkommen.
Große Vermögen und Einkommen, aber vergleichsweise wenig Steuern und Abgaben – das sei ungerecht. Hierin waren sich Zuhörerschaft und Referent einig. Bevölkerungsumfragen kämen zu ähnlichen Einschätzungen: 64 Prozent der Bevölkerung seien für die Erhebung einer Vermögensteuer, bei den Wählern von CDU/CSU seien es 62 Prozent, so eine Infratest dimap 2026. Nur die AfD-Wähler lehnten die Vermögensteuer mehrheitlich ab.
In der lebhaften Diskussion im KönzgenHaus war man sich weniger einig bei der Frage, ab welchen Einkommens- und Vermögensgrenzen die Besteuerung beginnen und welche Steuersätze gelten sollten. Der Referent wies darauf hin, dass eine breite Unterstützung für eine umverteilende Steuerreform nur dann zu erreichen sei, wenn – wie in den Attac-Vorschlägen vorgesehen – kleine und mittlere Einkommen entlastet und Vermögenswerte wie die selbst genutzte Eigentumswohnung oder das Einfamilienhaus durch Freigrenzen geschont würden.
Auf die Frage, wie es politisch weitergehe, sagte Eberhardt-Köster: „Rund 70.000 Menschen haben die Petition Tax the Rich für die Erhebung einer Vermögen- und Erbschaftsteuer unterschrieben und damit eine Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestages erreicht. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.“
Zu der Veranstaltung hatten die AG Soziale Gerechtigkeit des Forums für Demokratie, Respekt und Vielfalt in Kooperation mit dem KönzgenHaus, der KAB und dem DGB eingeladen.
Text: Werner Nienhüser
19.06.2026