Bistum Münster. Der indische Fahrer, der für eine litauische Spedition fährt, wird frühestens im Januar seine Familie wiedersehen. Der Ukrainer, der für eine slowakische Firma fährt, weiß nicht, wann er wieder in seine Heimat reisen kann. Der junge Fahrer aus Aserbaidschan filmt die Aktion freudig für TikTok und zeigt seine „Küche“ in der Ladeluke seines LKWs. Es sind die kleinen Geschichten, erzählt mit wenigen Brocken Englisch, mit Händen und Füßen, die die Ehrenamtlichen aus der KAB bei ihrer Aktion Nikolaus im Fahrerhaus bewegen. Am zweiten Adventsonntag sind 40 Gruppen unterwegs; auf Rastplätzen und Autohöfen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen besuchen sie LKW-Fahrer*innen, klopfen an die Wagentüren und überreichen rote Tüten mit Schokolade und kleinen Geschenken. Sie ernten meist überraschte Gesichter, Freude und fühlen sich dabei selbst beschenkt.
Grazyna J. von der KAB Werne klopft an eine geschlossene LKW-Wagentür. Zunächst tut sich nichts. Ich bin hartnäckig, sagt sie und lacht dabei und klopft erneut, etwas nachdrücklicher. Ein Kopf erscheint, das Fenster kurbelt sich herunter und Grazyna hält die kleine Weihnachtstüte hoch. Nein, er wolle nichts kaufen, wehrt der Fahrer ab. Es ist ein Geschenk, sagt die gebürtige Polin in polnischer Sprache, ein Geschenk vom Nikolaus. Dann erst öffnet sich die Wagentür, die Tüte wandert mitsamt der Karte, auf der Danke in 13 Sprachen geschrieben steht, in den Truck auf dem Autohof nahe der A1. Dort stehen an diesem Sonntag über 100 LKWs, die darauf warten, am späten Sonntagabend oder frühen Montagmorgen wieder weiterzufahren und jene Güter zu transportieren, die andere brauchen.
Mit Yvonne Willicks hat die KAB-Aktion „Nikolaus im Fahrerhaus“ eine prominente und engagierte Schirmherrin. Willicks verschenkt an diesem regengrauen Adventssonntag auf einem Parkplatz an der A40 mit zwei KAB-Gruppen aus Neunkirchen-Vluyn und Moers-Kapellen fast 100 Tüten. „In einem Land wie Deutschland, das so viel auf die Logistik auf der Straße setzt, muss man auch dafür sorgen, dass Fahrerinnen und Fahrer ihre Nächte und ihre Wochenenden menschenwürdig verbringen können“, sagt Willicks. Andere KAB-Gruppen haben Landespolitiker oder den Bürgermeister der Stadt zur Aktion eingeladen. Im Bistum Osnabrück unterstützte Weihbischof Johannes Wübbe die Aktion tatkräftig. Alle zeigen sich beeindruckt von den Begegnungen und nachdenklich über die Enge und Trostlosigkeit auf den Parkplätzen und die Lebenssituationen der Fahrer*innen.
„Wir haben dieses Jahr ein paar neue Aktivisten dabei“, erzählt Werner Rieke aus Recke, der bereits zum dritten Mal bei Nikolaus im Fahrerhaus mitmacht. Sie würden nun nachvollziehen können, wie emotional diese Aktion sei. „Man fühlt sich selbst beschenkt von den Reaktionen der Fahrer“, sagt er und gleichzeitig habe er und seine Mitstreiter*innen eben gesehen, wie einfach und trist die Fahrer auf den Parkplätzen leben, wie viele von ihnen oft wochenlang quer durch Europa unterwegs sind, nicht viel mehr als Parkplätze und Ab- und Auflade-Orte sehen, weit entfernt von ihren Familien und ihrer Heimat.
An diesem Sonntag leuchten neben den roten Tüten auch eine Reihe von Gesichtern. Johannes von der KAB Werne eilt mit einer Tafel Schokolade aus Belarus zurück zur KAB-Gruppe, ein Geschenk eines Fahrers. Dawid, LKW-Fahrer aus Polen, ist völlig überrascht, als er nach dem lauten Klopfen seine Wagentür öffnet und die Nikolaustüte statt der befürchteten Kontrolle sieht. Kaum sind die KABler winkend zum nächsten LKW weitergezogen, fotografiert er seine Tüte im Fahrerhaus und schreibt der KAB Münster folgende Mail: „Vielen Dank für die Geschenke. Das war das Letzte, was ich auf dem Parkplatz erwartet hatte. Als ich den Weihnachtsmann sah, war ich so überrascht wie ein Kind an Weihnachten."
Text: Heike Honauer
Foto: KAB St. Quirinius/Ina Koch
09.12.2025