DIÖZESANVERBAND

Ansgar Jux, KAB-Sekretär

Ansgar Jux, KAB-Sekretär
Ansgar Jux.

Vor fünf Jahren tauschte Ansgar Jux das Büro und die Sitzungsräume gegen Küche und Kinderzimmer ein. Der damals 41-jährige KAB-Sekretär übernahm nach der Geburt des dritten gemeinsamen Kindes die bisherige Rolle seiner Frau und ist seither zuständig für Kinder und Haushalt und was sonst alles dazugehört. Seine Arbeit bei der KAB hat er auf einen 25 %-Stellenumfang runtergefahren, das ehrenamtliche Engagement hochgefahren. Das soll auch noch eine Weile so bleiben, sagt er und wirkt dabei sehr zufrieden. Was die KAB etwas nüchtern die „Gleichwertigkeit aller Formen der Arbeit“ nennt, hört sich im Gespräch mit Ansgar Jux deutlich lebendiger an:

Frage: Stell dir die typische Partyszene vor - dich fragt jemand interessiert: „Und was machst du?“ Was antwortest du?
Kurioserweise würde ich tatsächlich zuerst meine berufliche Aufgabe beschreiben und sagen, dass ich bei der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung – KAB – arbeite, einem Verband, der sich sehr aktiv für mehr Würde und Gerechtigkeit in der Arbeitswelt einsetzt. Ein Zeichen dafür, dass wir uns gesellschaftlich fast ausschließlich und oberflächlich über die Erwerbsarbeit identifizieren. Aber natürlich würde ich auch bemerken, dass ich „nur“ eine 25 %-Stelle habe und mit 75 % Hausmann und Papa für drei Kinder bin.

Frage: Was schätzt du besonders an deinem derzeitigen Leben?
Diese Zeit mit den Kindern ist eine unglaublich intensive Zeit. Ich bin mittendrin im Sein und Werden dieser kleinen Menschen und teile die Freude und die Traurigkeit, den Spaß und den Streit, das Wundern und das Lernen. Natürlich ist nicht alles schön und super toll, aber ich bin ein nicht ganz unwichtiger Teil in einem Lebensabschnitt für die Kinder, in dem sich ihr Weltbild formt und das ist einerseits eine sehr große Verantwortung und andererseits eine große Ehre für mich. Und ich merke, meine Kinder fördern meine persönliche Entwicklung - ich persönlich lerne mit ihnen und bleibe selbst im Leben dynamisch.

Frage: Es gibt neben den schönen Zeiten mit den Kindern viele Routineaufgaben ...
Ich unterstütze durch meine Arbeit zuhause meine Frau, die voll und gerne berufstätig ist. Ich weiß ja selbst, wie wichtig es ist, dass der Partner zuhause die Fäden in der Hand hält und eben auch dort die Arbeit erledigt, die sein muss. Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass eine Sitzung zu moderieren höher einzuschätzen ist als das Bad zu putzen, die Wäsche zu waschen oder einzukaufen. Beides ist sehr wichtig und gerade als Familie macht der Rahmen viel vom Familienleben aus. So schätzen meine Frau und ich die persönlichen Erfahrungen in beiden Arbeitsfeldern und nur so konnten und können wir auch die Arbeit des jeweils anderen aus tiefstem Herzen anerkennen und wertschätzen.  

Frage: Kleine Teilzeit im Beruf und große Teilzeit in der Familienarbeit – hattet ihr Vorbilder?
Meine Eltern lebten voller Überzeugung die „klassische“ Rollenverteilung: Vater geht arbeiten und Mutter macht den Haushalt und kümmert sich um uns drei Kinder. Es machte mich stutzig, als mein Vater später zu mir sagte, dass er – wenn er damals gekonnt hätte – sehr gerne weniger gearbeitet hätte und dafür mehr zuhause bei uns Kids gewesen wäre, um die Zeit des Aufwachsens besser miterleben zu können. Als wir dann unser drittes Kind bekamen und ich schon viele Monate Elternzeit genommen hatte, habe ich dieses Verlangen auch gespürt. Mir kam die Aufgabe der Erziehung der Kinder mindestens genauso wichtig vor wie die Gestaltungsmöglichkeiten im Beruf. Ja, ich will die Welt verändern und ich kann das hervorragend beruflich in der KAB, aber definitiv noch viel besser zuhause im Kontakt zu meinen Kindern.

Frage: Du warst erst gut zwei Jahre bei der KAB beschäftigt, bist quasi gerade durchgestartet – wie war es, mitten in diesem beruflichen Lauf zu stoppen?
Mir fiel dieser Schritt nicht ganz leicht. Ich war gerade zweieinhalb Jahre als Regionalsekretär im Bezirk Hamm-Münster-Warendorf tätig – das ist so ein Zeitraum, den man als „Neuer“ schon braucht, um Kontakte zu knüpfen, die Strukturen zu beherrschen und auch Zukunftsvisionen für den eigenen Arbeitsbereich zu entwickeln. Ich war also an einem Punkt in der KAB, um eigentlich richtig loslegen zu können. Dass ich genau an diesem Punkt aufhörte und auch viele Ehrenamtliche, die meine Art und meine Vorstellungen auch schätzten und mithelfen wollten, den Bezirk weiterzuentwickeln, vor den Kopf mit der Entscheidung stieß, war keine leichte Entscheidung für mich. Ich weiß noch sehr genau, dass ich auch Tränen in den Augen hatte, als ich meinen Wunsch der Diözesanleitung vortrug. Aber mein Wunsch, meine Stelle zu reduzieren und hauptsächlich zuhause tätig zu sein, schien mir absolut richtig und zu meinem Leben passend.

Frage: Wie waren die Reaktionen der Leute als sie deine Entscheidung hörten?
Freunde und Bekannte waren erstmal sehr verwundert, denn alle wussten, dass ich sehr gerne bei der KAB arbeite. Warum reduziert man dann seine Stelle? Die nächste Frage war, wie wir das in der Familie finanziell hinbekommen. Dass wir keine finanziellen Einbußen durch den Rollentausch haben, hat es uns natürlich viel leichter gemacht so zu entscheiden.

Für den Arbeitgeber war das keine einfache Situation und daher konnte ich dessen anfängliches Zögern sehr gut verstehen, war aber auch sehr froh, als die Leitung mir dann aber doch grünes Licht gab.

Frage: ... ging alles so glatt? Gab es nicht auch Unverständnis?
Der Grund für meinen Wunsch nach einer Stundenreduzierung wurde von Anfang an absolut respektiert und auch wertgeschätzt – das gilt auch für die Kollegen*innen und die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen im Verband.
 
Frage: Hast du einen festen Tagesablauf?
Ohne einen festen Tagesablauf würde es gar nicht gehen. Bei uns leben fünf Menschen mit ganz eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen zusammen, die alle irgendwie berücksichtigt und gelebt werden wollen. Momentan ist es so, dass mein Tagesablauf von meinen Kindern weitgehend „fremdbestimmt“ wird, d. h. fast 90 % meiner Termine sind deren Termine: Das fängt mit dem Wecken der Kinder um halb sieben morgens und Frühstück an und endet gegen acht Uhr abends, wenn die Kinder zu Bett gehen. Dann kommt der Rest. (lacht).

Frage: Was machte Corona mit deinem Leben und Arbeiten?
Mich hat Corona beruflich völlig ausgebremst. Alle Sitzungen, Veranstaltungen fielen aus. Der Prozess der Verbandsentwicklung, für den ich mit zuständig bin, kam quasi zum Erliegen und wird nun langsam wieder angekurbelt. Dazu kam, dass ich von einem zum anderen Tag alle meine drei Kinder zuhause hatte, weil der Kindergarten und die Schulen schlossen. Das bedeutete jeden Tag von 8 bis 12:30 Uhr Unterricht zuhause, nachmittags Beschäftigung ohne externe Beschäftigungsmöglichkeiten, meine Frau musste bis zum Anschlag arbeiten – und das von März bis zu den Sommerferien. Unsere Kinder haben das großartig mitgemacht und auch meinem Arbeitgeber bin ich sehr dankbar, dass er mir den Rücken freihielt und ich mich in dieser Zeit hauptsächlich um meine Familie kümmern konnte. Das war eine große Herausforderung für uns alle.

Frage: Du arbeitest in diesem Modell nun seit fünf Jahren – inzwischen müssten sich alle in deinem Umfeld daran gewöhnt haben, oder?
Bisher hat mich noch niemand deswegen belächelt, versucht zu bekehren oder aber „bewundert“. Allerdings kommt es schon manchmal zu kuriosen Situationen. So hört meine Frau öfters von Bekannten das Erstaunen, wie sie es denn schaffen würde mit voller Stelle, drei Kindern und Haushalt … obwohl alle wissen, dass ich hauptsächlich die Kinder und den Haushalt manage. Ich selbst bekomme meist humorvolle Bemerkungen zu hören, die mich oft auf dem Sofa mit hochgelegten Füßen und einem Bierchen in der Hand sehen. Offenbar ist es zumindest schwierig, sich mich beim Fensterputzen oder Staubsaugen vorzustellen. Aber da immer häufiger die Väter auch Aufgaben zuhause wahrnehmen, fällt meine persönliche Situation auch immer weniger auf.   

Frage: Was ist „anders“ als du es zu Beginn erwartet hättest?

Mich hat selbst verblüfft, dass ich Lust bekam, mich ehrenamtlich stärker für die KAB zu engagieren. Das hört sich ja wirklich völlig idiotisch an: Da reduziere ich meine Stelle, um dann für gar kein Geld in der KAB zu arbeiten. Aber das Ehrenamt ist eben etwas anderes: Ich suche mir meinen Arbeitsbereich aus, kann tun, wozu ich Lust habe, bin weitegehend unabhängig von Strukturen und kann auch jederzeit sagen: Jetzt ist es vorbei! Jetzt baue ich mit einem Freund hier in Steinfurt KAB-Familienkreise auf und organisiere Veranstaltungen zu Themen, die mir wichtig sind – wie ein Informationsabend zum „Bedingungslosen Grundeinkommen“.

Frage: Haben sich mit den Erfahrungen der letzten fünf Jahre deine Einstellungen verändert?

Ich bin ein sehr großer Fan des KAB-Modells der Tätigkeitsgesellschaft geworden. Ich erlebe jetzt all die Vorteile, aber auch die Herausforderungen. Die derzeitige Corona-Krise zeigt doch, dass das Bedingungslose Grundeinkommen so schnell wie möglich eingeführt werden sollte. Wenn wir die Schaffenskraft des ehrenamtlichen Engagements und dessen unglaublichen Wert für den Zusammenhalt unserer demokratischen Gesellschaft und den immensen menschlichen und gesellschaftlichen Wert von Familienarbeit angemessen würdigen wollen, müssten wir die notwendigen Rahmenbedingungen wie die soziale Absicherung schaffen. Es würde unser Land unfassbar bereichern und voranbringen. Stattdessen zahlen wir alle sehr viel Geld, um das System der Erwerbsarbeit aufrechtzuerhalten – ohne Rücksicht auf die, die sich nicht daran beteiligen können oder wollen.

Frage: Deine derzeitige Teilzeit-Arbeit geht noch bis 2024. Und dann?

Ich warte darauf, dass ich eines Tages Privatier werde (lacht). Im Ernst: Im Herbst 2024 kommt der Jüngste auf die weiterführende Schule. Wie es dann konkret weitergehen soll, vermag ich heute noch nicht zu sagen. Aber auch wenn die Kinder groß sind und aus dem Haus ziehen, möchte ich nicht einfach voll arbeiten, weil das alle so machen. Natürlich wird die finanzielle Absicherung – auch im Alter – eine Rolle spielen. Ich würde aber auch sehr gerne weiterhin ehrenamtlich das ein oder andere Projekt starten oder auch sehr bewusst viel mit meiner Frau erleben wollen, was jetzt nicht so möglich ist – und nicht damit bis zur Rente zu warten.

Am liebsten blicke ich nach vorne und auf Menschen. Einer meiner Lieblingsgeschichten ist der Gang nach Emmaus, in der zwei Menschen nur auf das Vergangene und Verlorene schauen, aber ein Dritter den gemeinsamen Weg nutzt, um den Blick nach vorne zu wenden und das Vergangene in eine phantastische Zukunftsvision zu verwandeln. So etwas macht Mut und das verstehe ich auch als meinen christlichen Auftrag – egal, in welchem Tätigkeitsbereich.

Vielen Dank, Ansgar, für das Gespräch.

Das Interview führte Heike Honauer, KAB Münster.


Foto: privat
02.09.2020

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