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Digitalisierung braucht Teilhabe und Solidarität


v. li.: Annette Seier (KAB), Christoph Pliete (d.velop), Prof. Dr. Christian Kruse (Hochschule GE), Heinrich Wulhorst (Autor), Volker Nicolai-Koß (DGB), Peter Kossen (Pfarrer), Inken Steinhauser (Wirtschaftsförderung), Christoph Bruns (Handwerkskammer), Norbert Steinig (IHK) Und Christoph Hesse (KAB).

v. li.: Annette Seier (KAB), Christoph Pliete (d.velop), Prof. Dr. Christian Kruse (Hochschule GE), Heinrich Wulhorst (Autor), Volker Nicolai-Koß (DGB), Peter Kossen (Pfarrer), Inken Steinhauser (Wirtschaftsförderung), Christoph Bruns (Handwerkskammer), Norbert Steinig (IHK) Und Christoph Hesse (KAB).

Südlohn. Das Bild von Wasser und Wellen wird für vieles gern verwendet. Am vergangenen Samstag (09.03.2019) nutzte es der Wirtschaftsinformatiker Professor Dr. Christian Kruse, um den Stand der Digitalisierung zu erklären: Digitalisierung sei wie eine unaufhaltsame Welle. Man könne nun versuchen Deiche zu bauen, aber halten würden jene Deiche nicht. „Solche Deiche sind nutzlos“, sagte er. Daher müsse man die Menschen lehren Boote zu bauen und möglichst viele Menschen in die Bootsbaugruppen integrieren.

Um diese Menschen in der digitalisierten Arbeitswelt ging es beim diesjährigen Bezirkstag der KAB Borken in Südlohn. Gut 100 Delegierte und Gäste waren gekommen, um unter dem Motto „Arbeit 4.0 – Werte 4.0 – Wo bleibt der Mensch?“ mit Gästen aus Wirtschaft, Handwerk, Kirche und Gewerkschaft zu diskutieren. Moderiert wurde die illustre Runde von Annette Seier, Mitarbeiterin des KönzgenHauses in Haltern am See und KAB-Bezirkspräses Christoph Hesse. Eindrücklich zeigt sich bei der zweistündigen Diskussion das gemeinsame Interesse der am Podium Beteiligten: Den Standort und die sozialen Standards zu sichern und zukunftsfähig zu gestalten.

Christoph Pliete ist Vorstandsvorsitzender von d.velop, einem Betrieb für digitale Archivierung mit 650 Mitarbeiter*innen, viele davon jung, wie er erzählt. Servicequalität und die langfristige Bindung von Mitarbeiter*innen an das Unternehmen sei auch im digitalen Geschäft eine wichtige Komponente – Arbeit in großem Stil auszulagern, sei nicht der Weg. Pliete sieht sein Unternehmen gut aufgestellt. Politisch mahnt er an, gebe es bisher jedoch noch keine steuerliche Antwort auf die Entwicklung digitaler Unternehmen.

Dass der Digitalisierungsprozess politisch begleitet werden muss, findet auch Volker Nicolai-Koß vom DGB Münsterland. Arbeitnehmer*innen brauchen auch in der digitalisierten Arbeitswelt geschützte Arbeitsverträge und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Auch den Ausbau von „Homeoffice“ sieht der Gewerkschafter mit gemischten Gefühlen. Bei allen Vorteilen, die sich in manchen Lebenssituationen durch die Möglichkeit von zuhause zu arbeiten, bieten, müsse es Regelungen geben, die Menschen in Homeoffice vor entgrenzter Arbeitszeit und Ausbeutung schützen.

Das Wort „Regelung“ hört Christoph Bruns, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Borken nicht so gerne. Auf die Frage nach benötigten Rahmenbedingungen der Digitalisierung beklagt er „gewisse Regulierungswut in diesem Land“. In Borken seien 5200 Betriebe in der Kreishandwerkerschaft organisiert. Für sie habe die Digitalisierung bisher vor allem Gutes bewirkt. „Es gelingt Marktanteile gegenüber der Industrie zu verteidigen“, sagt er. Nicht nur deshalb nennt Bruns den Kreis Borken „das kleine Silicon Valley im Westmünsterland“.

Heinrich Wullhorst ist Autor und Kommunikationsberater. Für ihn ist der Wert „Personalität“ der kirchlichen Soziallehre auch für die Beurteilung der Digitalisierung zukunftsweisend. Wullhorst ruft zu einer „digitalen Solidarität“ auf, die alle Menschen mitnimmt und keinen zurücklässt.

Daran kann Norbert Steinig von der IHK Nord-Westfalen anknüpfen. Menschen ernstnehmen und mitnehmen, ist auch seine Forderung. 30 000 Unternehmen „vom kleinen Kiosk bis zum börsennotierten Unternehmen“, so Steinig, betreut die IHK Nord-Westfalen. Der Kontakt von Mensch zu Mensch sei nicht ersetzbar. Steinig verdeutlicht seine Anschauung am Beispiel von e-Learning, wie es auch die IHK anbietet: „Wichtiger und intensiver als die Lernergebnisse in digitalen Gruppen“, sagt er, sei die Diskussionen „von Mensch zu Mensch, das Ringen um die richtigen Antworten und Einsichten.“

Auch Inken Steinhauser von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Borken betont die Wichtigkeit der Menschen vor den Maschinen. „Wirtschaft kann man nur fördern, wenn man die Menschen fördert“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. Die Unternehmen hätten verstanden, dass ohne motivierte und fortlaufend weitergebildete Mitarbeiter*innen die Digitalisierung nicht funktionieren wird.

Die „Teilhabegerechtigkeit“ der Menschen sieht Professor Dr. Christian Kruse in Gefahr, wenn Teilhabe nicht aktiv eingefordert wird und Menschen sich nicht kontinuierlich weiterbilden. Teilhabe müsse auch erarbeitet werden, weiß der Hochschuldozent.

Inmitten von für manchen Zuhörer erstaunlich viel Harmonie und Übereinstimmung wirft Peter Kossen, Pfarrer in Lengerich, den Begriff „Parallelwelten“ in die Diskussion. Er warnt vor der wachsenden Ausbeutung von Arbeitnehmer*innen, wie er es vor allem in der Fleischindustrie beobachtete. „Dort geraten vor allem osteuropäische Arbeiter*innen unter die Räder “, sagt er. Parallelwelten entstünden da, wo Menschen im großen Stil ausgebeutet werden von Unternehmen, die nach außen mit vermeintlich sauberer Weste aufträten. Kossen mahnt zur Wachsamkeit. Menschenwürdige Arbeit sei das unbedingte Ziel – in der ganzen Arbeitswelt.


Text: KAB
Foto: Ulrich Haucke
12.03.2019


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