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Der Widerstand des Josef Jakob


Bocholt/Münster. „Josef, du hast mehr geleistet als ich“, hat Münsters Bischof Clemens August Kardinal Graf von Galen nach dem Krieg zu ihm gesagt. Sie kannten sich. „Du hast die Gefahr früher erkannt und hast mehr Mut bewiesen. Du hattest Familie und wusstest, dass sie mitleiden würden. Ich bin Junggeselle und hatte bei all meinem Tun den Schutz meines Amtes“, erinnert sich sein Sohn Wilhelm an die Begegnung der beiden Männer. „Vater war da sehr stolz drauf. Und ich auf ihn.“

Wer war dieser Mann, dessen Lebensleistung sogar der „Löwe von Münster“ Respekt zollte? Der es aber gleichzeitig in Kauf nahm, dass seiner Familie ab 1936 das Kindergeld gestrichen wurde, die Kinder nicht aufs Gymnasium durften, die Familie verarmte, da der Vater nach der Auflösung der KAB keine Arbeit mehr fand und mit 83 Reichsmark Kriegsrente aus dem Ersten Weltkrieg klar kommen musste? Ein Idealist? Ein Phantast? Ein Egozentriker?

Der 91-jährige Sohn erinnert sich …
Zerbrechlich sieht sein Sohn Wilhelm aus, wie er da auf dem braunen Sofa mit den schwarzen Tupfen sitzt. Ein Körper, der unter dem blauen Pullover und der hellen Stoffhose zu verschwinden scheint. Plötzlich geht ein Ruck durch den 91-Jährigen, seine Augen fangen an zu leuchten. Er beginnt, über seinen Vater zu erzählen. Über Josef Jakob, gestorben vor mehr als 65 Jahren und doch so nah.

Bei seiner Geburt am 18. Januar 1896 als ältestes Kind des Fabrikarbeiters Wilhelm Jakob deutete nichts darauf hin, dass er einmal mehr als 30 Jahre die politische Geschichte der Stadt Bocholt mitprägen und die Nazis so das Fürchten lehren würde, dass sie ihn bis aufs Blut bekämpften und verfolgten.

Arbeiter in der Zementfabrik in Neubeckum
Nach dem frühen Tod seines Vaters 1914 brach Jakob seine Klempnerlehre ab und trat dessen Stelle als Arbeiter in der Zementfabrik in Neubeckum im Münsterland an. So konnte seine Familie in der Betriebswohnung wohnen bleiben. Und er konnte für den Unterhalt der Familie sorgen. Im gleichen Jahr trat Jakob auch der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) bei, was seinem Leben eine entscheidende Wendung geben sollte.

Denn er bewarb sich 1921 auf die Stelle des Arbeitersekretärs in Bocholt – und wurde gewählt. Die KAB hatte in Bocholt viel Einfluss. Stadtpolitik wurde im „Blauen“ gemacht, wie das KAB-Vereinshaus im Volksmund genannt wurde. Gleichzeitig engagierte er sich noch politisch in der Zentrumspartei. Privat fand er sein Glück ein Jahr später bei Elisabeth Bensmann, mit der er sechs Kinder bekam. Für Josef Jakob waren die sozialen Belange der Arbeiter eine Herzensangelegenheit.

Gespür für die Zeichen der Zeit
Und er hatte ein gutes Gespür für die Zeichen der Zeit. Schon früh sah er das braune Gespenst über Deutschland am Horizont aufziehen. Er hatte Hitlers „Mein Kampf“ gelesen und ihn als Demagogen durchschaut. Durch Reden, Vorträge und einer damit verbundenen intensiven Reisetätigkeit versuchte er, die katholischen Arbeiter davor zu warnen.

„Vater war kaum zu Hause. Ein normales Familienleben gab es in dem Sinne nicht“, bedauert sein Sohn Wilhelm. Die Mutter habe die Familie zusammen gehalten. „Er konnte gut Gitarre spielen. Das hat er öfter mit uns getan“, erinnert sich der pensionierte Lehrer an diese kostbaren Momente, die ihm ein Lächeln in sein vom Alter und Leben gezeichnetes Gesicht zaubern. Ganz leise stimmt er die ersten Zeilen von „Das Wandern ist des Müllers Lust“ an, durchbricht die Stille des Augenblicks.

Sein Vater entschloss sich, sich dem Widerstand gegen Hitler anzuschließen und die Nazis zu bekämpfen, in dem Wissen, dass die „ganze Familie dabei drauf gehen könnte. `Solange die Braunhemden da sind, werde ich dagegen angehen.´ sagte Vater immer. Wir haben das mitgetragen.“ Mit allen Konsequenzen.

Wegen Hoch- und Landesverrats verhaftet
Jakob war der NSDAP ein Dorn im Auge. Spätestens seit dem Zeitpunkt, als er am Ende der konstituierenden Sitzung des neuen Stadtparlaments, in das er 1933 als Zentrumsabgeordneter gewählt wurde, beim Singen des Horst Wessel Liedes nicht den Arm zum Hitlergruß hob. Nach dem Martinsumzug im November schlug die Gestapo zu: Am 10. November 1933 wurde er wegen Hoch- und Landesverrats von der Staatspolizei verhaftet – und misshandelt. In dieser Zeit bekam er Diabetes, was ihn zwang, eine strenge Diät einzuhalten. Drei Mal wurde er im Dritten Reich für mehrere Monate festgesetzt.

Als ihm 1935 im Gefängnis lebenswichtige Diabetes-Medikamente verweigert wurden, erlitt er einen Zuckerschock. Hitlers Schergen luden ihn am Hintereingang des Krankenhauses in Recklinghausen ab. Er wurde gerettet. Krank und arbeitslos kam Josef Jakob nach Bocholt zurück. „Wir lebten regelrecht in Armut und in einem Klima der Angst, litten Hunger.“ Zur NS-Volkswohlfahrt zu gehen lehnte er ab. Der KAB-Verbandspräses Otto Müller und die Bocholter Kapuzinermönche unterstützten die Familie.

Kinder hängen Hitlerbild ab
Die Kinder wurden anti-nationalsozialistisch erzogen. Die klare politische Haltung der Eltern nahmen sie sich zum Vorbild: „Als das Hitlerbild das Kreuz in der Schule verdrängte, ist unsere elfjährige Schwester Maria mit ihren Freundinnen unter einem Vorwand zurück gegangen und hat alles wieder umgehängt. Die sind denen nicht drauf gekommen“, freut sich Wilhelm noch heute diebisch.

„Vater war ein sehr gläubiger Mensch. Sein gesamter Widerstand beruhte auf seiner tiefen religiösen Grundhaltung. Sein Glaube war seine Kraftquelle.“ Aus dieser Grund-Haltung heraus schloss Jakob sich einem Widerstandskreis innerhalb der KAB an, der Pläne für die Neuordnung Deutschlands nach Hitler besprach. Dadurch, dass KAB-Vorstandsmitglied Bernhard Letterhaus, der im Oberkommando der Wehrmacht in Berlin arbeitete, zum Kreis der militärischen Verschwörung um Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehörte, wurde die KAB in die Planungen des Hitler-Attentats mit einbezogen. Sie sollte nach einem Umsturz für Ruhe und Ordnung sorgen.

„Komm wir gehen, der stirbt eh“
Eine Woche vor dem Attentat bekam Jakob eine Postkarte von Letterhaus: „Halte dich bereit. Es kann in den nächsten Tagen passieren.“ Doch der Plan scheiterte. Jakob floh zu seiner Schwester. Die zwei Gestapo-Männer, die ihn verhaften wollten, mussten in ihren schwarzen Ledermänteln unverrichteter Dinge wieder abziehen. Als er zurückkehrte, war klar, dass die Gestapo nicht lange auf sich warten lassen würde. Sein Hausarzt Wilhelm von Laack versetzte ihn deswegen in ein diabetisches Koma. Ein riskantes Manöver. „Vater hatte Schaum vorm Mund, rang röchelnd um sein Leben“, erinnert sich Wilhelm sich mit Grauen. „Wir Kinder wussten ja nicht, dass es ihn schützen sollte.“ Im Gegenteil. „Wir knieten weinend vor seinem Bett und beteten für unseren Vater“, der bewusstlos und mit dem Tode ringend vor ihnen lag. „Komm wir gehen, der stirbt eh“, sagte die Gestapo, die ihn festsetzen wollte. Aber der Vater überlebte. Doch die Mutter stirbt im März 1945 durch einen Bombensplitter.

Seine Mitverschwörer, die ganze KAB-Spitze, wurden in Plötzensee gehängt. Als er 1945 in einem Prozess gegen einen SS-Führer aussagen sollte, sagte dieser zu ihm: „Sie haben Glück gehabt. Für Sie war auch ein Platz am Galgen reserviert.“

Als erster Bocholter mit Bundesverdienstkreuz geehrt

Jakob gönnte sich nach Kriegsende keine Ruhe. Er beteiligte sich maßgeblich am Aufbau einer politischen Struktur in Bocholt und im Münsterland, gründete die Zentrumspartei neu, die später zur CDU wurde. Anfang Januar 1953 erhielt er als erster Bocholter das Bundesverdienstkreuz. Da lag er schon im Krankenhaus. Zwei Wochen später starb er, an seinem 57. Geburtstag.

Ein bewegtes, hartes und von Idealen geprägtes Leben. Und noch so präsent im Bewusstsein seines Sohnes Wilhelm, als „größte Hetzkanone gegen Adolf Hitler im Münsterland“.


Text: Jürgen Flatken
Foto: Privatarchiv Familie Jakob/Münsterjohann
22.01.2019


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