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Sinn-Kostprobe Nr. 76: "Hierbleiben."


Siegbert Heinz Mirus.

Was gehört zu einem sinnvollen Leben wollen wir von Siegbert Heinz Mirus, Bewohner im Langzeitwohnen Kettelerhaus der Bischof-Hermann-Stiftung, wissen. Und so haben wir, Hans Sanders, ehemaliger KAB-Diözesanpräses und ich, ihn besucht.

Siegbert Heinz Mirus ist 66 Jahre alt, lebt in einem möblierten Zimmer in einer stationären Langzeitwohneinrichtung in Münster und ist ein glücklicher Mensch. Wir treffen uns mit ihm an einem Donnerstagmorgen. Wir wollen mit ihm über "Sinnvoll leben" sprechen. Meine Fragen sind vorbereitet, strukturiert und präzise. Relativ präzise. Hans Sanders, Pastor und mit Siegbert bekannt, schaut mich auf dem ganzen Weg zum Wohnheim eher skeptisch an.

Und Siegbert Heinz Mirus erteilt mir eine liebenswerte Lektion in Sachen "Leben", ohne auf eine einzige Frage, die ich stelle, präzise zu antworten. Er lädt uns in sein Zimmer ein, wir lachen viel miteinander, er erzählt von seinem Leben: Heimkind, "ich hab mir immer Liebe gewünscht", dreimal ausgerissen, und "beim dritten Mal hat es geklappt". Eine Familie kümmert sich um ihn, vermitteln ihm eine Lehrstelle als Bäcker, als die Kinder zu studieren beginnen, zieht er mit ihnen nach Münster in ein Studentenheim, bleibt viele Jahre als eine Art Hausmeister in münsterschen Wohnheimen, erinnert sich an unzählige Tischtennismatches in Wohnheimkellern und an das gute Gefühl des Miteinanders, "ich habe immer in Gemeinschaft gelebt, darum fühle ich mich auch hier im Männerwohnheim so wohl", sagt er. Die Zeit mit den Studierenden sei seine schönste Zeit im Leben gewesen. "Hier bin ich nun zuhause", sagt er. "Aber meine Heimat war bei den Studenten."

Heute hat er mit den Folgen von drei Autounfällen zu kämpfen – eine Schädigung im Hirn lässt ihn vieles mehrfach erzählen und Namen schnell vergessen. "Ich wiederhole mich", sagt er dann schnell. Leben braucht Wiederholungen, denke ich, wenn er mit so viel Freude und Wertschätzung von dem erzählt, was für ihn sein gutes Leben hier ausmacht: Sein warmes, sauberes Zimmer, das gute Essen, die freundlichen Menschen um ihn herum. Man wird in Siegberts Gegenwart freundlich, merke ich.

Alle unsere Fragen sind hinfällig – Siegbert Heinz Mirus nimmt uns mit in seine Art, das Leben anzuschauen. "Ich hab´ viel, viel Glück gehabt", sagt er über sein Leben. Glück? Familienlos aufgewachsen, der Vater unbekannt, die Mutter weit weg und überfordert, die strenge ("sehr strenge") Erziehung im Heim, das unstete Leben als Erwachsener, drei schwer Unfälle, Tage mit bohrenden Kopfschmerzen … "Ich hab einen guten Schutzengel", ist sein Kommentar.

Eine Frage habe ich doch aufbewahrt und stelle sie etwas zögerlich – was er sich für die Zukunft wünsche? "Hierbleiben", sagt er und schaut Hans Sanders an, als sei damit die Frage erschöpfend beantwortet. "Ich möchte hier alt werden."

Und die Frage ist erschöpfend beantwortet. Vielen Dank, Siegbert.

Siegbert Heinz Mirus (* 1949) lebt seit knapp zwei Jahren im stationären Langzeitwohnen Kettelerhaus der Bischof-Hermann- Stiftung in Münster. Der gelernte Bäcker ist nach drei Autounfällen durch eine Hirnschädigung gehandicapt. Über sein Bett hat der humorvolle Mann Sprüche-Karten gehängt. Sein Lieblingsspruch sei "Lebe so, als sei jeder Tag dein letzter; eines Tages wirst du recht haben!"


Pfarrer Hans Sanders (* 1940) ist Pastor. Bis 2007 war er Diözesanpräses der KAB im Bistum Münster. Heute engagiert sich der gebürtige Wildeshausener für obdachlose Frauen und Männer.

Mehr zum Kettelerhaus Langzeitwohnen:
www.langzeitwohnen-muenster.de

Mehr zur Bischof-Hermann-Stiftung:
www.bischof-hermann-stiftung.de

Text/Foto: Heike Honauer, KAB
01.04.2016


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