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Sinn-Kostprobe Nr. 75: "Man wandelt, was man annimmt."


Heinz-Josef Janßen.

"Was bedeutet sinnvoll leben für Sie?" haben wir Heinz-Josef Janßen, Bundesgeschäftsführer des Kreuzbundes gefragt.

"Seit 1984 arbeite ich als Theologe mit suchtkranken Menschen und ihren Familien. Viele Lebensschicksale, Krankheitsverläufe und Gesundungsprozesse habe ich in dieser Zeit miterleben und begleiten dürfen. Immer wieder habe ich gespürt, wie mühsam das Annehmen der eigenen Krankheits- und Lebenssituation oder der des abhängigkeitskranken Familienmitglieds (meist des Partners oder Vaters) ist. Ähnlich wie in anderen schwierigen Lebens- und Krankheitssituationen kommt es auch bei Sucht und Abhängigkeit zu Abwehrreaktionen und Fragen: Warum gerade ich? Warum gerade wir? Womit haben wir das verdient?

Erst dann, wenn es gelingt, die eigene Situation anzunehmen – die Sucht zu akzeptieren, werden Wandel und Veränderung möglich. C. G. Jung hat einmal gesagt: "Man wandelt, was man annimmt." Das gilt auch und erst recht für die Akzeptanz der Abhängigkeitskrankheit. Erst dann ist der Suchtkranke in der Lage, die ausgestreckten helfenden Hände von gleichermaßen Betroffenen oder von professionellen Helfern anzunehmen. Erst dann wird er offen für Hilfe und Selbsthilfe.

Wie ein großer Stein, der gleichsam weggeschoben wird, kann es wieder hell im Leben werden. Dann ist die Zeit des Selbstbetrugs und der Lügen vorbei; Wahrhaftigkeit kann neu Raum greifen. Manche Suchtkranke und Angehörige erleben eine solche Wandlung als persönliche Auferstehung und feiern den ersten Tag der Abstinenz als "Geburtstag in ein neues Leben".

Mich selbst haben diese Gesundungs- und Wandlungsprozesse immer stark beeindruckt. Nicht zuletzt auch durch meine langjährige berufliche Tätigkeit im Kreuzbund konnte ich als Nicht-Betroffener und Begleiter Zeuge solcher Wandlungsprozesse sein, im Rahmen meiner Möglichkeiten auch mithelfen, dass Suchtkranke und ihre Familien dazu ermutigt werden, JA zu sagen und damit Veränderung in Gang zu setzen. Viele – und auch ich selbst habe manches Mal gespürt, dass Gott seine Hand dabei mit im Spiel hatte.

Im Bewusstsein dessen kann ich immer wieder dankbar sagen: Ich erlebe meinen Beruf als sinnvoll und bereichernd."

Heinz-Josef Janßen (58 Jahre) ist Theologe und Sozialarbeiter. Seit 1984 arbeitet er in verschiedenen Arbeitsfeldern der Suchtkrankenhilfe – seit 1992 ist er Bundesgeschäftsführer des Sucht-Selbsthilfeverbands "Kreuzbund e. V." in Hamm.


Foto: privat
25.03.2016


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