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Sinn-Kostprobe Nr. 54: Jeden Tag überraschend neue Antworten


Tanja Herwig.

"Was gehört zu einem sinnvollen Leben", fragen wir Tanja Herwig, die ihr erstes Kind erwartet.

"Was gehört für mich zu einem guten Leben? Sinnvollen Leben? Was ist mir wirklich wichtig? Ich glaube, die Antwort auf diese Fragen hat sich in den letzten neun Monaten ständig geändert. In dem Moment, als der Schwangerschaftstest "positiv" anzeigte, war das Wichtigste, so schnell wie möglich zum Frauenarzt zu kommen und dann änderte sich alles: Was darf man essen und was nicht? Was darf man machen und was nicht? Einige Sachen waren gleich klar abgegrenzt und für mich vollkommen logisch. Aber andere ... da stritten sich die Geister.

Wie gefährlich sind jetzt z. B. Salami, Lakritz oder bestimmte Sorten Fisch? Sollte ich im Restaurant gleich darauf hinweisen, dass ich schwanger bin, damit nicht irgendwas im Essen ist, was ich vielleicht doch nicht darf? Oder ist das vielleicht einfach peinlich? Früher hätte ich alles vermieden, was peinlich werden könnte. Aber jetzt? Jetzt wird gefragt und darauf hingewiesen und zur Not wird es dann eben doch nicht gegessen. Hauptsache dem Kind geht es gut.

Eagle-Leistungen beim Frauenarzt? Eigentlich nicht erforderlich, kosten nur Geld. Aber: Was wenn dieser Test jetzt doch was bringt? Zusätzliche Sicherheit für das Baby? Dann also doch buchen. Und wie oft zum Hausarzt die Blutwerte überprüfen lassen? Alle vier Wochen wie mein Arzt sagt oder alle zwei, wie sein Kollege meinte. Ist zwar aufwändig, aber lieber einmal häufiger hin. Man weiß ja nie.

Beim Umzug selber helfen? Oder doch lieber anderen überlassen? Eigentlich ist es ja mein Umzug, das würde ich nie anderen zumuten, die Sachen für mich zu packen. Kisten schleppen ok, aber packen? Aber die Frauenärztin meinte, ich dürfe nicht mehr. Wem schade ich eigentlich? Dem Kind oder mir? Naja, bevor der Kleine zu früh kommt, dann doch lieber nur zuschauen und delegieren.

Alles in allem viele Dinge, die ich mir vorher anders vorgestellt hätte und die ich vorher anders bewertet hätte. Aber jetzt ist bei der Frage nach einem sinnvollen Leben nur noch eines wirklich wichtig: das kleine Leben, was in wenigen Tagen zur Welt kommen soll. Und ich denke, auch danach, werde ich jeden Tag überraschend neue sinnvolle Antworten finden."

Tanja Herwig ist 31 Jahre alt und lebt im Ruhrgebiet. Die Volljuristin ist verheiratet und dank des inzwischen geborenen Sohnes in Mutterschutz bzw. Elternzeit.

Foto: privat
23.10.2015


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