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Sinn-Kostprobe Nr. 26: "Eine Hand halten, die Angst hat."


Susanne Kümper.

Susanne Kümper.

"Was gehört für Sie zu einem sinnvollen Leben", fragen wir Susanne Kümper, Krankenpflegerin in einem Hospiz.

"Eine Freundin arbeitet im ambulanten Hospizdienst. Ihr Sohn fragte sie einmal: "Mama, warum möchtest du mit Menschen arbeiten, die sterben müssen?" Darauf antwortete sie: "Weißt du, wenn ein Kind zur Welt kommt, sind viele Menschen da, um ihm auf den Weg ins Leben zu helfen. Menschen, die sterben, brauchen auch Menschen, die sie begleiten, wenn sie wieder aus dem Leben gehen!" Ihre Antwort hat mich immer sehr bewegt und vor drei Jahren meinen Entschluss bestärkt, nach langen Jahren als Krankenschwester im Krankenhaus beruflich in ein Hospiz zu wechseln. Seither fragen mich viele "Du arbeitest im Hospiz? Das ist doch schwer? Das könnte ich nicht ..." Viele Menschen waren noch nie in einem Hospiz und haben vermutlich die Vorstellung, dass bei uns nur gestorben wird. Natürlich wird bei uns gestorben, aber vor dem Sterben ist ja noch das Leben.

Unsere Gäste behalten ihre Würde.
Im Hospiz nennen wir die Bewohner/innen "Gäste". Die Gäste kommen mit einer sehr schweren Krankheit zu uns. Sie wissen, dass sie bei uns ihren letzten Lebensweg gehen und wir gehen diesen Weg mit ihnen. Wir sind zunächst Lebensbegleiter und am Ende des Lebens werden wir ihr Sterben begleiten. Im Hospiz haben wir Mitarbeiter/innen Zeit für eine ganzheitliche Begleitung der Gäste. Ich glaube, wir schenken ihnen etwas ganz Kostbares: "Würde". Wir versuchen dem Gast, medikamentös die belastenden Symptome wie Schmerzen, Atemnot oder Unruhe zu nehmen oder sie zumindest zu verringern. Wir versuchen durch Gespräche, Ängste zu nehmen oder sie zu lindern. Manchmal gelingt es uns, einen letzten Wunsch noch zu erfüllen. Aber häufig sind die Gäste schon froh über unsere Zeit und die Ruhe, die sie mit ihren Angehörigen haben. Bei uns ist das Arbeitstempo im Vergleich zum Krankenhaus entschleunigter. Das spüren unsere Gäste sehr schnell und sie geben diese Ruhe und Geduld, die sie empfinden, gerne als Dankbarkeit an uns zurück.

Den Tagen Leben geben.
Gerne orientiere ich mich bei meiner Arbeit an den Worten von Cecil Sounders: "Nicht dem Leben mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben." Im Hospiz versuchen wir die Tage mit Leben zu füllen. Dazu kann gehören, unausgesprochene Dinge noch zu besprechen, Begegnungen zu ermöglichen. Manchmal sprechen wir miteinander über das Sterben. Manche Gäste ergreifen die Möglichkeit, ihre eigene Trauerfeier zu planen. Dabei steht uns auch die Hilfe unserer ausgebildeten Trauerbegleiter zur Verfügung, die den Gästen, den Angehörigen und auch uns zur Seite stehen. Wir geben ihnen die Möglichkeit für Spiritualität, durch gemeinsame Gottesdienste im Hospiz, durch tröstende Gebete am Bett oder entspannender Musik.

Die schweren Momente.
Es gibt natürlich auch die schweren Momente. Manchmal ist es schwer die richtigen Worte zu finden. Oder ich gehe in ein Zimmer und frage mich, was die Gäste erwarten … Dann hilft es schon, eine Hand zu halten oder einen Menschen in den Arm zu nehmen. Und ich finde Halt im dem Lied von Manfred Siebald: "Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton ..."

Wenn ein Gast stirbt und die trauernden Angehörigen zurückbleiben, breitet sich eine Traurigkeit aus, die auch mich anrührt und berührt. Das sind dann tatsächlich die schweren Momente, in denen ich selbst auch schlucken muss. Aber wir dürfen berührbar sein.

Trauer braucht Raum und Zeit.
Dürfen erwachsene Kinder um ihre 85-jährige Mutter nicht genauso trauern wie ein Ehemann um seine junge Ehefrau, die kleine Kinder zurücklässt?

Ich habe im Hospiz gelernt: Jeder darf so trauern, wie es ihm gerade gut tut. Jede Trauer hat seine Zeit und braucht seinen Raum und Menschen, die da sind, um ein Stück Wegbegleiter zu sein. Die Arbeit im Hospiz beschenkt mich.

Oft erleben wir nach der ersten großen Traurigkeit der Angehörigen eine Dankbarkeit für unser Tun. Danke für die Pflege, für die offenen Ohren, die wachen Augen und die tröstenden Worte. Diese Dankbarkeit trägt mich und meine Kollegen durch unsere Arbeit. Sie gibt uns Kraft und zeigt mir immer wieder, wie sinnvoll unsere Arbeit ist.

Das Team ist kostbar.
Kommt es dann doch mal vor, dass ein Gast mir gedanklich nicht aus dem Kopf geht, so darf ich auf eine gute aufmerksame Hospizleitung und ein kostbares Team bauen, das zuhört und unterstützt. Wir haben regelmäßig Supervision. Dort werden wir professionell begleitet, suchen und finden Lösungen, um zum Beispiel mit einer besonderen Situation zurechtzukommen.

Leider haben viele Berufskollegen in den Krankenhäusern die Freude an ihrer Arbeit verloren, der Pflegenotstand und der Zeitdruck lassen sie an ihre Grenzen stoßen. Ich bin froh, dass ich im Hospiz die Zeit habe, eine Hand zu halten, die Angst hat, Zeit bekomme, die Sorgen der Gäste zu hören und ihre Nöte mit ihren Augen sehen lernen und danach handeln darf. Ich bin ein Lebensbegleiter auf ihrem letzten Weg. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Dankbar sein für "Selbstverständliches".
Nach der Arbeit lebe ich mit meiner Familie natürlich den ganz normalen Alltag mit Problemen und Sorgen wie überall. Und ich sehe das eigene Leben durch meine Hospiz-Arbeit auch ein wenig mit anderen Augen. Ich bin dankbar für die kleinen Dinge im Leben, die wir sonst so selbstverständlich hinnehmen. Ich schaue mehr über den Tellerrand, freue mich über meine Familie und Freunde und bin dankbar dafür, gesund zu sein. Und ich bin dankbar, dass Gott mich mit der Gabe beschenkt hat, die Arbeit im Hospiz tun zu können.

Ich wünsche mir, dass die Menschen sich mehr mit dem Thema beschäftigen und dass das Sterben aus der Tabu-Zone herauskommt. Das Sterben gehört nun einmal zum Leben."

Susanne Kümper ist 46 Jahre alt und seit 22 Jahren Krankenschwester. Seit 2012 arbeitet sie im Hospiz Haus Hannah in Emsdetten/Münsterland. Sie ist mit einem Krankenpfleger verheiratet und gemeinsam haben sie zwei Kinder. Susanne Kümper engagiert sich in ihrer Freizeit in der Kolpingfamilie.

 

Foto: privat
Karfreitag, 03.04.2015


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