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Warum sich Prälat Peter Kossen in der KAB engagiert ...


Prälat Peter Kossen.

Prälat Peter Kossen.

Lengerich. Er spricht von Straßenstrich und Leiharbeit, von moderner Sklaverei. Ein katholischer Pfarrer. In einer Predigt. Zu Heilig Abend. Nichts von wegen heile Welt und Jesus liebt dich. Stattdessen harte Kost und brutale Konfrontation mit der Realität. Pfarrer Peter Kossen ist in seinem Element, wenn er den Finger in die offene Wunde der Konsumgesellschaft legt.

Seit Jahren schon prangert er ungerechte Arbeitsbedingungen und kriminelle Praktiken in Fleischfabriken oder bei Paketdiensten an. So auch in seiner Predigt zum vergangenen Weihnachtsfest in seiner Gemeinde Seliger Niels Stensen in Lengerich. Kossen hat eine Mission: einzutreten für die Unterdrückten und Ausgebeuteten in der Gesellschaft, ihnen Stimme und Gesicht zu geben.

Priester – mit eigener Meinung

Dass Peter Kossen einmal der Titel „Sozialpfarrer“ von den Medien verliehen würde, davon stand allerdings nichts auf seiner Geburtsurkunde, als er am 12. Dezember 1968 als eines von vier Kindern in Wildeshausen bei Oldenburg in eine Eisenbahnerfamilie hineingeboren wurde. Und dennoch wurde schon in seinem katholisch geprägten Heimatort Rechterfeld am Rande der norddeutschen Tiefebene das Fundament für Kossens soziales Engagement gelegt.

„Unsere Eltern haben uns schon früh darauf aufmerksam gemacht, dass es auch in der Schule Menschen gibt, die nicht wirklich dazu gehören. Sie auch mit im Blick zu haben und sich für sie einzusetzen, das habe ich von zuhause mitbekommen“, gibt der Endvierziger mit der randlosen Brille und dem weißen Kolar-Hemd Einblick in seine soziale Grundlegung. „Und eine eigene Meinung, einen eigenen Kopf hatte ich schon immer“, ergänzt er verschmitzt lachend.

Nachfragen der Schulkameraden

Aufgewachsen in einem Ort, in dem heute noch zwei Drittel der Bürger CDU wählen, hat auch die Religion etwas Selbstverständliches an sich. „Ich bin ganz natürlich in den Glauben hinein gewachsen, auch, weil es unsere Eltern vorgelebt haben“, erklärt er seine kirchliche Sozialisation. Sonntags ging man zur Kirche. Der Priesterberuf also als logische Konsequenz? Nein. „Es war eher so, dass verschiedene Leute es sich für mich gut vorstellen konnten – ehe es für mich überhaupt Thema war.“ Aber die Nachfragen der Schulkameraden waren für Kossen der erste Anstoß, darüber nachzudenken. Nichts von wegen Erweckungserlebnis. „Ich habe wirklich darum gerungen.“

Plötzlich lag der Einberufungsbescheid in der Post und gab den entscheidenden Anstoß: „Die Bundeswehr wäre nicht undenkbar gewesen. Aber letztendlich ging es darum, sich zu entscheiden. Und ich hatte das Gefühl, dass das Priesteramt etwas für mich sein könnte.“ Und er beginnt in Münster mit dem Theologiestudium, immer mit der Option, es abzubrechen, wenn es nicht das richtige wäre. 1996 wird der Rechterfelder in Münster zum Priester geweiht.

Rechte der Benachteiligten

Pfarrer Peter Kossen entwickelt sich zu einem Seelsorger, der kompromisslos und eindrücklich für die Rechte der Abgehängten und Benachteiligten eintritt. Als Mahner und Kämpfer fordert er soziale Verantwortung ein. Und er mischt sich ein, bezieht Position, auch ungefragt. „Man muss dann aber auch wissen, worüber man spricht. Sonst hat man keine Relevanz.“ Das musste er lernen, denn „ich bin ja erst einmal auch nur Theologe“, berichtet er schmunzelnd von seinen ersten Schritten auf dem glatten Streit-und-Diskussions-Parkett.

Also heißt es erst einmal, sich Wissen anzueignen und mit Menschen zu sprechen, die mehr Ahnung haben, als er. Aber er ist sich sicher: „Es braucht in der Gesellschaft und auch in der Kirche Menschen, die den Mut haben, den Mund aufzumachen, Gegenwind auszuhalten und Dinge anzustoßen.“ Getreu seines Ziehvaters Adolf Kolping, dessen soziale Ideale und Einsatz für die Wandergesellen Kossen in seiner Kindheit in der Kolpingjugend kennen gelernt und beeindruckt haben.

Im Diözesanvorstand der KAB aktiv

Als logische Konsequenz engagiert er sich später auch in der Katholischen Arbeiterbewegung, der KAB. „In allen Gemeinden, in denen ich tätig war, gab es eine KAB.“ In seiner jetzigen Pfarrei in Lengerich gibt es keine KAB-Gruppe. Dafür ist Kossen im Diözesanvorstand der KAB des Bistums Münster aktiv. „Ich habe in der KAB gelernt, wie man Kampagnen gestaltet.“ Was eben auch heißt, den Mut aufzubringen, Konflikte einzugehen, parteiisch zu sein und sich anwaltschaftlich auf eine Seite zu stellen. „Ich sehe in der KAB tatsächlich den Weltauftrag der Christen vom Evangelium her realisiert, was es heißt, mit der Botschaft vom Reich Gottes und dem damit verbundenen Auftrag ganz konkret in die Welt zu gehen.“

Verwirklicht in den Themen, die die KAB umtreibt, wie die Digitalisierung und deren Auswirkung auf die Arbeitswelt, die Globalisierung, die Frage des Sonntagsschutzes, ihr Eintreten für Arbeitnehmerrechte. „Es ist nicht egal, ob es so einen Verband gibt oder nicht. Denn er soll ein Stachel im Fleisch der Kirche sein, wenn diese allzu bürgerlich wird und sich zur Ruhe setzt“, betont Kossen die Bedeutung des Verbandes.

Junkies vor der Haustür

Und immer hat er den Menschen dabei im Blick. Als Pfarrer von Emmerich waren es die Junkies vor der Haustür, die ihn gelehrt haben, „dass die größte Not dieser Menschen nicht die materielle ist, sondern, dass sie sich selbst dafür verachten, was aus ihnen geworden ist“.

Und die Erfahrung zu machen, nicht vorschnell mit vermeintlich hilfreichen Worten um die Ecke zu kommen, sondern erst einmal ein Hörender zu sein. „Das war eine wichtige Erfahrung, nicht zu sagen, wie es besser geht, sondern mit und von den Menschen zu lernen, um gemeinsam zu schauen, wie wir etwas verändern können.“

Menschenverachtende Strukturen der Fleischindustrie

In Vechta wird er zum ständigen Vertreter des bischöflich münsterschen Offizials und bekommt den päpstlichen Ehrentitel Prälat verliehen. Und er kennt die Themen, die ihm im Oldenburger Münsterland sauer aufstoßen. Er entlarvt die menschenverachtenden Strukturen der Fleischindustrie, deren moderne Sklaverei. Massiv kritisiert Kossen die Missstände bei Werksverträgen und der Unterbringung ausländischer Leiharbeiter aus Bulgarien und Rumänien.

Dabei redet er Klartext und nennt Ross und Reiter. „Ich habe die Machtposition, die ich im Offizialat hatte, benutzt, um Dinge öffentlich zu machen und zu sozialpolitischen Themen Stellung zu beziehen. Wenn wir das Evangelium verkündigen und ernst nehmen, dann hat das oft auch politischen Inhalt.“ Seine grünen Augen blitzen auf, wenn er an seine Zeit in Vechta zurückdenkt.

Abgezogenes Kaninchenfell vor der Haustür

Sein Engagement hat nicht jedem gefallen. So legten die modernen Sklavenhalter dem Prälaten ein abgezogenes Kaninchenfell vor die Haustür. Aber davon hat er sich nicht einschüchtern oder gar mundtot machen lassen. „Klar hatte ich auch Angst“, gesteht er ein. „Mir hat mal jemand gesagt, achten Sie mal darauf, ob an Ihrem Auto die Radmuttern alle angezogen sind. Das klingt dann wie in einem schlechten Krimi.“ Andererseits weiß er auch, dass man in der Fleischindustrie nicht zimperlich umgeht – mit Beschäftigten, wie mit Gegnern. „Das geht es um sehr viel Geld und Macht. Das muss man ernst nehmen.“

Und Peter Kossen betont, Streitthemen nicht zu suchen. „Und Liturgie ist erst einmal keine Kundgebung, Predigt keine politische Rede und trotzdem durchdringt sich das für mich.“ Er hält es für notwendig, durchaus konkret zu werden und die Fragen zu stellen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen? Auf wessen Kosten? „Diese Fragen bringt das Evangelium mit sich und auch meine Aufgabe als Priester. “

„Ich kann auch fromm“

Mit seiner Weihnachtspredigt wollte er zum Nachdenken anregen. Gerade Christen seien aufgerufen, über ihr Konsumverhalten nachzudenken. Auch wenn er dafür „Gegenwind“ bekomme und auch, wenn „einige meinen, dass ich von dem Thema besessen bin“. Das sei schon eine Gradwanderung. „Manchmal sag ich, ich kann auch fromm“, und lacht dabei.

 


Text: KAB
Foto: Johannes Bernard, Kirche+Leben
10.10.2018


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