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Interview mit Prälat Kossen: „Moderne Sklaverei in der Fleischindustrie“


Prälat Peter Kossen.

Prälat Peter Kossen.

Lengerich. Leiharbeiter arbeiten hart für wenig Geld in Fleischfabriken oder bei Paketdiensten. Oft im Verborgenen, unter menschenverachtenden Bedingungen, Sklavenarbeit mitten in Deutschland. Peter Kossen, der Pfarrer in Lengerich ist und von den Medien als „Sozialpfarrer“ betitelt wird, gibt diesen Menschen ein Gesicht, eine Stimme. Aus den Kirchen kommt nur wenig Kritik an diesen Beschäftigungsverhältnissen. Das prangert Kossen an. Seine Vermutung: weil solche Unternehmen auch große Kirchensteuerzahler sind.

Ein syrisches Kind stirbt bei einem Unfall in Mecklenburg, wenig später tauchen am Unglücksort rechtsextreme Schmierereien auf. Der Bundesinnminister freut sich, dass an seinem 69. Geburtstag 69 Menschen abgeschoben werden. Ankerzentren statt Willkommenskultur… Was läuft gerade schief in Deutschland?

Peter Kossen: Die Welt wird immer komplexer. Gleichzeitig sind 65 Millionen Menschen auf der Flucht – auch nach Europa. Das macht uns Angst und wir sind auf der Suche nach einfachen Antworten. Es gibt Menschen, die diese Ängste schüren und Lösungen anbieten. Menschen wie Donald Trump und Viktor Orbán, Parteien wie die CSU und die AFD bedienen auf eine einfache Art und Weise diese Ängste und nutzen sie für ihre Ziele. Die Politik, aber auch jeder einzelne ist gefordert, etwas dagegen zu tun. Denn einfache Antworten gibt es nicht.

Sie tun etwas dagegen. Sie sind einer der schärfsten Kritiker der Arbeitsverhältnisse von mobil Beschäftigten und sprechen von „moderner Sklaverei“ und „Ausbeutung“. Was meinen Sie damit?

Peter Kossen: Die Fleischindustrie hat damit angefangen, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze sukzessive durch irreguläre Beschäftigung von Arbeitsmigranten zu ersetzen. Man bedient sich Subunternehmen und gliedert Kernbereiche der eigenen Wertschöpfungskette aus, mit dem schlichten Ziel, Personalkosten zu sparen. Andere Bereiche wie Bau, Logistik und Gebäudereinigung haben sich daran ein negatives Beispiel genommen. Man kann dadurch enorm viel Geld sparen, wenn man es darauf anlegt. Die Notlage dieser Menschen wird ausgenutzt. Sie werden oft mit falschen Versprechungen aus Osteuropa angeworben.

Wie sehen diese Versprechungen aus?

Peter Kossen: Ihnen werden zum Beispiel 1.500 Euro, ein Bett im Zweibettzimmer und drei Mahlzeiten am Tag versprochen. Die Wirklichkeit ist dann jedoch eine ganz andere. Die Leute werden brutal abgezockt für ein Rattenloch, für das sie manchmal 14,50 Euro pro Nacht für ein Bett im Drei-Schicht-System zahlen müssen. Es entsteht ein ausgefeiltes, perfides System von Abhängigkeiten.

Was meinen Sie damit?

Peter Kossen: Wenn ich als Subunternehmer die Menschen nicht nur verleihe, sondern gleichzeitig auch unterbringe, dann habe ich die Handhabe, sie über eine Wohnung wieder abzuzocken. So werden abbruchreife Häuser mit Bulgaren, Polen und Rumänen vollgestopft. Formal wird zwar der gesetzliche Mindestlohn ausgezahlt. Wenn dann aber der Transport zur Arbeitsstelle, das Arbeitsgerät und auch die Unterbringung in Rechnung gestellt werden, landet der Arbeitnehmer dann überraschenderweise schnell bei einem Lohn von 4,50 Euro die Stunde. Moderne Sklaverei. So funktioniert das System. Und das Reservoir von Menschen ist unerschöpflich. Die Menschen wollen hier ja arbeiten.

Das hört sich zynisch an…

Peter Kossen: Das ist doch nicht so, dass das nicht überall bekannt ist. Man spricht halt nicht drüber. Und wenn es dann irgendwo aufploppt, dann tut man sehr überrascht. Wenn man wirklich was verändern will, muss man das System verändern. Zum Schluss zahlt immer einer die Rechnung, ob das der Leiharbeiter ist, dessen Perspektivlosigkeit brutal ausgenutzt wird, oder die Arbeitskraft, die nicht genug Geld verdient, aber zum Beispiel als „selbständiger“ Paketzusteller das ganze Risiko.

Was macht das konkret mit den Menschen?

Peter Kossen: Erzieherinnen in einem AWO-Kindergarten erzählten mir, dass die Kinder aus Arbeiterunterkünften den ganzen Kindergartentag verschlafen würden, weil sie nachts in den Unterkünften Gewalt, Drogen, Alkoholmissbrauch und auch Prostitution ausgesetzt seien. Und das ist nicht Hamburg St. Pauli oder Münster Hafenviertel, sondern das ist hier auf dem Dorf.

Was fordern Sie?

Peter Kossen: Dass die Politik die Gesetze, die sie gegen Ausbeutung und Menschenhandel gemacht hat, auch in der Praxis durchsetzt. Das ist im Moment nicht der Fall. Und dass Betriebe nicht einfach über 80 Prozent ihrer Belegschaft ausgliedern können, wie es gerade im Fleischsektor vielfach der Fall ist. Das kann Politik regulieren, wenn sie es will. Das erwarte und das verlange ich auch von der Politik.

Sie gehören zu den wenigen Kirchenleuten, die diese Arbeitsverhältnisse anprangern. Warum bezieht Kirche nicht deutlicher Position?

Peter Kossen: Weil sie Angst hat. Nach meiner Erfahrung haben die Bischöfe Angst davor, Steuerzahlern vor den Kopf zu stoßen und sie zu verlieren. Denn zum Teil sind ja gerade die großen Unternehmer große Kirchensteuerzahler. Aber wenn das das Argument ist, dann prostituieren wir uns. Einerseits. Andererseits wird geschwiegen, um sich nicht selbst hinterfragen zu müssen, hinterfragen zu lassen: Wo umgehen wir denn als kirchlicher Arbeitgeber Tarife?

Harte Worte…

Peter Kossen: Es ist nicht so schlimm wie in der Fleischindustrie. Aber auch in katholischen Altenheimen und Krankenhäusern werden Beschäftigte ausgliedert, um zum Beispiel den Caritas-Tarif zu umgehen. Da ist man auf einer ähnlichen Spur unterwegs wie eben beschrieben. Wo wir uns weit aus dem Fenster hängen, etwas einfordern, egal ob es politisch, kirchlich, oder gesellschaftlich ist, dann muss man sich an seinen Taten messen lassen. Sonst macht man sich angreifbar.

Aus Angst vor finanziellen Einbußen und weil Kirche ähnlich verfährt schweigt sie? Dann hat sie doch ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Peter Kossen: Ja, an dieser Stelle ja. Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass für die Kirchen die Zeit kommen kann, in der es nicht mehr reicht, nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Das mit dem Helfen haben wir schon gut drauf. Aber fragen wir uns auch, warum Menschen unter die Räder kommen? Dann müssen wir diese Räder einfach mal anhalten. Da sind wir als Kirche noch zu zögerlich. Da sind wir manchmal zu sehr Teil eines Systems, von dem wir sehr gut leben. Da braucht es mehr Positionierung. Und wir müssen aus dieser Angst heraus kommen und sagen, dass wir zuversichtlich, trotz allem, in die Zukunft gehen.

Wie kann das konkret aussehen?

Peter Kossen: In Münster gibt es bekannter Weise 400 bulgarische Prostituierte. Ich würde sagen, dass über 90 Prozent von denen nicht nach Deutschland gekommen sind, um auf den Strich zu gehen. Das ist ein ganz hässliches Randphänomen des Menschenhandels und der Ausbeutung und dagegen müssten wir uns als Kirche deutlich positionieren. Das sind Menschen, die irgendwo am Rand der Gesellschaft existieren. Es sind keine bedauerlichen Einzelfälle, das gibt es 100.000-fach in Deutschland und da müssten die Kirchen den Mut haben, Alternativen einzufordern und die Stimme zu erheben. Eben weil es Parallelwelten gibt, in denen im größeren Stil Menschen unter die Räder kommen.

Liegt darin nicht auch eine Chance für die Kirche?

Peter Kossen: Ich habe erlebt, dass Menschen sich anders mit Kirche identifizieren oder in ihr auch eine neue Relevanz sehen, wenn sie erleben, dass Kirche auch mal aus ihren Sicherheiten herauskommt, etwas wagt. Das kann sie unter Umständen angreifbar machen. Aber das Risiko muss man wohl eingehen, um glaubwürdig zu bleiben. Denn wir sollten uns nicht damit abfinden, dass wir immer älter und weniger werden und der letzte in 15 Jahren das Licht ausmacht und die Tür zu. Christen und ihre Werte werden gebraucht, heute mehr denn je.

Hat die KAB Antworten auf die Fragen unserer Zeit?

Peter Kossen: Wir müssen als Kirche die Menschen zusammen bringen, dürfen nicht spalten und polarisieren. Aber gleichzeitig müssen wir ab und zu erkennbar Partei ergreifen, vor allem für diejenigen, die auf der Seite der Schwächeren stehen. Das heißt, den Mut aufzubringen, Konflikte einzugehen, parteiisch zu sein, sich anwaltschaftlich auf die Seite der Benachteiligten zu stellen. Und da hat die KAB eine gute Tradition, das zu tun und auch den Mut, zu Themen, die nicht rein binnenkirchlich sind, eine klar erkennbare Position einzunehmen.  

 


Text/Foto: KAB
10.10.2018


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