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„Digitales Tagelöhnertum oder Chance?“


Prof. Dr. Franz Segbers von der Universität Marburg warnte vor Entgrenzung der Arbeitszeit und betonte die Bedeutung von verbandlicher und gewerkschaftlicher Arbeit im Rahmen von „Arbeit 4.0“.

Prof. Dr. Franz Segbers von der Universität Marburg warnte vor Entgrenzung der Arbeitszeit und betonte die Bedeutung von verbandlicher und gewerkschaftlicher Arbeit im Rahmen von „Arbeit 4.0“.

Heiden/Bistum Münster. „Der Arbeitsgesellschaft wird die Arbeit nicht ausgehen“, Prof. Dr. Franz Segbers mahnte beim KAB-Diözesantag in Heiden zur Nüchternheit beim Reizthema „Digitalisierung der Arbeit“. Die wesentliche Frage sei, ob die wichtigen gesellschaftlichen Kräfte und die Politik Technologie so gestalten können, dass aus der fortschreitenden Digitalisierung etwas Gutes für alle erwachsen kann. Eine bedeutende Rolle nehmen weiterhin Gewerkschaften und Betriebsräte ein: „Ohne sie werden wir diesem Prozess der Digitalisierung keine Humanität abringen können“, sagte der Theologe.

Um die Auswirkungen von „Arbeit 4.0“ auf den Menschen, die Arbeitswelt und die ganze Gesellschaft wird es in den kommenden vier Jahren in der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) im Bistum Münster gehen. Zur Einführung in diese Fragen hatte die KAB Professor Dr. Franz Segbers von der Universität Marburg eingeladen. Segbers betonte immer wieder die Notwendigkeit von Gestaltungswillen und Gestaltungsmacht der Gewerkschaften, Sozialverbände und der Politik. „Wir brauchen gerade in dieser Zeit starke Gewerkschaften und Sozialverbände sowie ausgebaute Bestimmungsrechte für Betriebsräte“, forderte er in seinem Vortrag.

Digitalisierung ist „Jobveränderer“.
Inzwischen ist das Thema der Digitalisierung in aller Munde und auf allen Kanälen. Segbers warnte davor, Digitalisierung fatalistisch zu begreifen. Die Digitalisierung, so der Sozialethiker, sei weder ein Naturereignis noch eine Katastrophe, der Mensch hilflos ausgeliefert sein. Vielmehr sei die Digitalisierung ein seit langem stattfindender, steuerbarer Prozess und nicht mehr und nicht weniger als ein „Jobveränderer“, so Segbers.

Arbeitnehmerrechte statt digitales Tagelöhnertum.

Es bleibe die Tatsache, dass Arbeit auch in Zukunft immer mit Rechten für die Arbeitenden verbunden sein muss. „Wer Arbeit einbringt, erwirbt sich Rechte“, bringt Segbers dies auf eine klare Formel. Er warnt davor, die Digitalisierung als „Hebel zur umfänglichen Deregulierung“ einzusetzen und die Verfügbarkeit der menschlichen Arbeit um jeden Preis zu erhöhen. „Arbeit 4.0“ verlagere das unternehmerische Risiko auf die Beschäftigten, auf die flexibilisierten Arbeitnehmer*innen. Arbeit auf Abruf, Flexibilisierung der Arbeitszeit und Verlagerung der Arbeit aus den Arbeitsräumen in das private Umfeld führen letztlich zu einem „digitalen Tagelöhnertum“. Das kann, so Segbers und die KAB, kein Ziel sein. Die Frage nach Mitbestimmung und Mitgestaltung stellen sich unter den Bedingungen von „Arbeit 4.0“ oder dem Marketing-Begriff „Industrie 4.0“ neu – sie erledigen sich keineswegs. Der Blick in die Geschichte lehre, dass Arbeitnehmerrechte und menschenwürdige Arbeitsbedingungen auch früher nicht vom Himmel gefallen sind. „Alles Humane ist Ergebnis eines harten Kampfes, in dem das Soziale abgerungen wurde“, sagt Segbers.

In Zukunft: Tätigkeitsgesellschaft
Die Zukunftsform der Gesellschaft ist die der Tätigkeitsgesellschaft, in der neben der klassischen Erwerbsarbeit die Sorgearbeit und die ehrenamtliche Arbeit gleichberechtigt und existenzsichernd nebeneinander stehen. Die KAB vertritt dieses Gesellschaftsmodell. Segbers riet, das Konzept der Tätigkeitsgesellschaft, unter den Bedingungen der Digitalisierung erneut zu beschreiben und weiter in die Diskussion um die Zukunft der Gesellschaft einzubringen.

Kritsch fragen: Wer verfolgt welches Interesse?
Er mahnte die Delegierten und die Verantwortlichen des katholischen Sozialverbandes, die Digitalisierung der Arbeitswelt kritisch zu begleiten. Konkret weist Segbers auf die begleitende Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger*innen hin. Seit vielen Jahren wirbt die KAB dafür. Seit einiger Zeit positionieren sich führende Wirtschaftsbosse ebenfalls für dieses Grundeinkommen. Segbers riet, immer zu fragen: „Ist dies eine vorwärtsweisender gesellschaftlicher Entwurf oder sollen wir mit etwas abgespeist werden?“

Segbers Fazit: Die Digitalisierung der Arbeitswelt birgt Chancen und Risiken. „Arbeit 4.0“ kann dann positiv für alle werden, wenn Gesellschaft und politische Akteure sie mitgestalten.

Text: Heike Honauer
Foto: Werner Gehlmann
23.11.2017


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