Aktuelle Nachrichten

Sinn-Kostprobe Nr. 156: „Barmherzigkeit ist die Sehbedingung für Gerechtigkeit“


Weihbischof Dieter Geerlings.

Weihbischof Dieter Geerlings.

„Was bedeutet „sinnvoll leben“ für Sie“, fragen wir Weihbischof Dieter Geerlings aus Münster in der letzten Ausgabe unserer Reihe Sinn-Kostproben.

„Eine „Sinn-Kostprobe“ wird erfragt, also eine Momentaufnahme aus augenblicklicher Befindlichkeit. Da begegnet im heutigen Tagesevangelium nach Lukas (23.10.2017) zunächst eine negative Kostprobe: „Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss lebt.“
Positiv gewendet: Sinnvoll lebt, wer einfach lebt, wer teilt, was er hat, andere im Blick hat. Das Ich wird am Du, ist da die Sinn-Weisheit. Die Erfahrung: Das gibt ein Gefühl von gelungenem Leben. Überfluss führt leicht zu Überdruss.
Auf anderer Ebene: sich für eine gerechte Ausgestaltung der Lebensverhältnisse in der Gesellschaft stark machen. Barmherzigkeit ist dabei für mich die Sehbedingung für Gerechtigkeit.

Das Wort „Sinn“ hat ja vom Ursprung her unter anderem mit „reisen, gehen, sich bewegen“ zu tun. Sinnvoll lebt, wer in seinem Herzen, in seinen Gedanken beweglich ist. Jesus macht die Menschen gehen. Er ist auf dem Weg erfahrbar. Auch wenn ich nicht mehr laufen kann, kann ich innerlich doch noch unterwegs sein. Offensichtlich ist für mich, dass Beweglichkeit – auch über den Wechsel der Zeit hinaus – Sinn schenkt. Die drei großen F – Fernsehen, Filzpantoffeln, Flaschenbier – lassen Sinn verkümmern. Die biblische Botschaft erwächst wesentlich aus der Er-fahrung von Wegen, Flucht, Migration …

Aber es gibt auch ein „Stehen“, das den Raum von Sinn eröffnet. Maria stand unter dem Kreuz. Sie stand. Nichts wird gesagt über ihre Reaktion, ob sie weinte oder nicht weinte. Sie stand. Wie oft stehe ich ohnmächtig, ratlos vor den Tragödien des Lebens, dieser Welt. Maria stand. Sie kennt den Sinn nicht, aber sie vertraut auf den, der um den Sinn weiß. Sein Name ist: Ich bin da, wo Du bist.
Der Auferstehungsglaube befreit mich von dem Zwang, dem eigenen Leben in jeder Situation einen Sinn geben zu müssen. Das meint wohl unter anderem das schwierige Wort von der Erlösung.

Für mich ist der Sinn, der Sinn des Lebens immer nur bruchstückhaft in Einzelheiten zugänglich. Sinn erfahre ich immer wieder dann am ehesten, wenn in mir das Bewusstsein stark ist, dass ich in einen großen Zusammenhang eingebunden bin: Für mich ist das die Wirklichkeit Gottes, die auf der anderen Seite wieder geheimnisvoll ist. Sie ist nie einzuholen.

Was würde ich morgen schreiben?“

Dieter Geerlings (* 1947) ist Weihbischof im Bistum Münster und zuständig für die Region Coesfeld-Recklinghausen. In der Deutschen Bischofskonferenz ist er Mitglied der Caritaskommission und der Migrationskommission. Seine Sinn-Kostprobe beendet als Nummer 156 unsere dreijährige Reihe „Sinn-Kostproben“.


Foto: pd
10.11.2017


DANKE
Unsere Reihe „Sinn-Kostproben“ ist zu Ende.
Wir, die KAB im Bistum Münster, bedanken uns sehr bei allen, die Sinn-Kostproben geschrieben und gelesen haben. Es war uns eine Freude, jeden Freitag so viel Sinnvolles veröffentlichen zu dürfen.

Für unser Buch „Schnecken beobachten und Sandburgen bauen. Sinn-Kostproben für heute“ haben wir aus der Vielfalt der Sinn-Kostproben gut 50 Texte ausgesucht.

Sie erhalten das Buch im Buchhandel:

„Schnecken beobachten und Sandburgen bauen – Sinn-Kostproben für heute“
Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (Hrsg.)
Gebundene Ausgabe
Preis: 14,90 Euro
ISBN: 978-3-429-04402-2


Bestellung Newsletter
Digitaler Quantensprung

Haltern am See. Kann die globale Digitalisierung tatsächlich extreme Armut,...
> MEHR LESEN

Flugreise nach Edinburgh

Münster. 2019 bietet der Reisedienst KAB UNTERWEGS eine besondere Tour an. Vom 13....
> MEHR LESEN

Letzte Barbara-Messe vor Schließung der Zeche.

Mettingen. Zur großen Barbara-Messe am Sonntag, 09.12.2018 laden die RAG Anthrazit...
> MEHR LESEN

Gestickter Protest.

Münster. Mit Sticknadel und Perlgarn gegen die Ungerechtigkeit der Welt vorgehen –...
> MEHR LESEN