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Sinn-Kostprobe Nr. 148: „Menschen ein Zuhause geben“


Margarete Decher-Burbaum und Jörg Burbaum.

„Was macht das Leben sinnvoll?“, fragen wir Jörg Burbaum und Margarete Decher, Pflegewissenschaftler*in aus Waltrop.

„Margarete und ich sitzen auf der Terrasse und sinnieren über die Frage nach dem Sinn unseres Lebens. „Manchmal denke ich, der Sinn meines Lebens war es immer, Menschen für eine Zeit ein Zuhause zu geben – ganz praktisch, vor allem aber emotional“, sagt Margarete. Meine Frau hat fünf Kinder großgezogen, davon vier Pflegekinder mit einem schwierigen Start ins Leben. Das letzte davon haben wir gemeinsam aufgenommen. Unser Sohn hat wie die anderen seinen Platz im Leben gefunden und ist ein fleißiger, manchmal etwas chaotischer junger Mann geworden, mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und einer hohen sozialen Kompetenz, die er wie wir als Pflegender in der Altenhilfe auslebt.

„Ob im Krankenhaus, auf einer Psychotherapiestation oder wenn wieder mal jemand an die Tür klopfte, der Trost, einen Teller Nudeln oder ein Bett für ein paar Tage, Monate oder Jahre brauchte, immer ging es darum, da zu sein, zu handeln und nicht nur zu reden“, erzählt Margarete. „Selbst damals in meiner Zeit als Kneiperin in Castrop-Rauxel ging es um mehr, als Bier zu verkaufen. Für die Stammgäste war die Kneipe ihr verlängertes Wohnzimmer und mancher hätte vielleicht ohne diese ’psychosoziale Auffangstelle’ jeden Halt verloren. Wenn jemand sich gesehen und angenommen fühlt, kann man ihm auch mal liebevoll sagen: „Jetzt hast du genug mein Lieber, jetzt mach ich dir mal ’nen Kaffee und dann gehst du nach Hause. Morgen sehen wir dann weiter.““

Seit unserem Studium der Pflegewissenschaft beschäftigen wir beide uns mit einer Menschengruppe, die in besonderer Weise vom ’Unbehaust-sein’ bedroht ist: Menschen mit Demenz. Wir haben damals erkannt, dass die gängigen Versorgungsangebote den Betroffenen jegliche Selbstwirksamkeit rauben. Wer glaubt, in einer Phase seines früheren Lebens zu sein, braucht keine „Dienstleistungen nach DIN Norm“, sondern ein Zuhause, in dem er noch wirksam sein kann, eine Bedeutung für andere hat und sich mit anderen verbunden fühlt. So entwickelten wir ein bedürfnisorientiertes Konzept zum Aufbau kleiner, familienähnlicher Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz.

„Sinnvoll leben in der Demenz? Ja klar kann man das“, sage ich. Ich denke an Herrn S. aus Dortmund. Er war wegen vermeintlicher „Aggressivität“ im Heim fixiert worden und mit Medikamenten ruhig gestellt. Er zog in eine unserer WGs ein und wir merkten schnell, dass er immer dann wütend wurde, wenn er sich gemaßregelt fühlte. Er brauchte es, wie ein „Kumpel“ behandelt zu werden und im Alltag etwas beitragen zu können – kurz „seinen Mann zu stehen“. Wir haben jeden morgen mit ihm „Glück auf der Steiger kommt“ gesungen. Die Glühbirne in der Küche wurde jeden Tag ausgewechselt – was natürlich keiner so gut konnte wie er – und unter großem Beifall brachte er den Damen am Samstag immer ein paar Rosen. So lebte er noch drei Jahre mit „relativem Wohlbefinden“, bevor er eines Morgens nicht mehr aufwachte. „Gut dass du da bist“, war das, was er mit seinen Wortfindungsstörungen am Schluss noch sagen konnte und dabei lächelte er immer.

„Manchmal denke ich, ich habe ein bisschen zu sinnvoll gelebt“, sagt Margarete. Die Widrigkeiten des Lebens - ob es berufliche Rückschläge, Menschen die einen zutiefst enttäuschen oder richtige Betrüger sind, auf die man hereinfällt - wir haben alles in den letzten 20 Jahren gemeinsam durchlebt. Und uns bestimmt auch oft überfordert.
Aber wir können wahrscheinlich nicht anders, als immer wieder Türen zu öffnen und Wege zu suchen, um unsere christlichen und humanistischen Werte zu leben.
Nur reden ohne zu handeln ist bestimmt nicht das, was ein sinnvolles Leben ausmacht. Ach ja – und Fehler haben und machen wir natürlich auch. Aber wer keine Fehler macht, hat eben auch nicht gelebt. Das Leben ist eben grundsätzlich lebensgefährlich!“

Jörg Burbaum (* 1967) und Margarete Decher-Burbaum (* 1955) leiten das Projekt „Amarigo GmbH – Die Pflegeexperten“. Beide sind Krankenpfleger*innen und studierten Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke. Die Demenz-Experten haben mit ihrem ambulanten Pflegedienst „Amarigo“ Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz im Ruhrgebiet aufgebaut. Das Paar lebt in Waltrop.

 


Foto: privat
15.09.2017


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