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Sinn-Kostprobe Nr. 139: "Ich suche nicht, ich finde …"


"Schreiben Sie uns, was Ihr Leben sinnvoll macht …", haben wir Mariele Wischer aus Münster gebeten.

"Offenbar ist es in meinem Leben SINN-voll – auch weil ich nicht anders kann – meinen Gefühlen des Unbehagens und meinen Widerständen genauer nachzugehen – so verhielt es sich auch mit der an mich gestellten Frage nach dem Sinn:

Ehrlich gesagt habe ich mich lange gesträubt, diese Sinnkostprobe zu schreiben. Für mich stellt sich die Frage nach dem Sinn theoretisch nicht, daher fiel es mir schwer dazu Worte zu verfassen. Zugleich aber forderte mich dies heraus und ich fragte mich: Bin ich vielleicht stumpf und unterreflektiert, weil ich dies für mich nicht einzuholen vermag?

Doch ich bin umgetrieben vom Leiden, das Menschen zermürbt. Ich bin zärtlich berührt von den Dimensionen der Liebe und des Mitgefühls, welche die Menschen und die Welt zu verändern vermögen. Und ich bin zutiefst ergriffen von der Botschaft der Freiheit der Einzelnen und der Befreiung aller aus Unterdrückung. Also ganz so stumpf bin ich wohl nicht – aber die Frage nach SINN, die interessiert mich  – nein besser: die erreicht mich nicht.

Beim Schreiben merke ich, dass SINN für mich als theoretische Frage offenbar wenig relevant ist. Sinn mir jedoch gleichwohl als tiefe Erfahrung der Verbundenheit mit dem Leben, mit meinem Leben wichtig ist. Sinn ist für mich am ehesten eine sinnenhaft aufleuchtende Erfahrung, leiblich erspürbar im Prozess meines Lebens selbst. Daher ist es mir wohl fremd, Sinn durch rationale Überlegungen festzuzurren. Durch vor-gedachte Theorien ebenso wie als individualistische Sinnproduktion und letztlich Teil der Selbstoptimierung, der wir im kapitalistischen Leistungssystem ausgesetzt sind. Sinnsuche vergleichbar mit einem Coaching: "Sinnsuche ergebnisorientiert erfolgreich gestalten" bleibt mir fremd.

Fernab davon mache ich vielmehr die Erfahrung, dass ich mir "meinen" Sinn letztlich eben nicht selbst (zu-)sagen kann. Und wenn es darum gar nicht geht? Wenn es gerade nicht darum geht, den Sinn selbst zu bestimmen ..., wenn Sinn nicht aktiv gesucht und gemacht, sondern nur (wieder)gefunden werden kann, weil Sinn eben schon da ist?

Ich habe weder gedanklich noch gefühlt je in Frage gestellt, dass mein Leben sinnvoll ist, dass Sinn in meinem Sein, in meinem Da-sein in dieser Welt selbst liegt. Eben darin, dass ich mit diesem Leben die Chance erhalte mir selbst (und damit letztlich auch den anderen und der Welt) näher zu kommen, intensiver Da-zu-sein, die Mitte des Labyrinths zu erreichen. Und da das Labyrinth ohnehin keine Einbahnstraße ist, darf auch mein mäanderner Lebensweg sein und ist immer schon sinn-voll wie er ist.

Die Erfahrung von Sinn, der sich zuschickt, schenkt sich mir mitten in meinem gelebten Leben immer dann erneut, wenn ich wirklich zulasse, dass das Leben da sein darf, so wie es gerade ist. Und wenn ich es als mein Leben annehme und weiter gehe – in der Liebe, im Leid, mit Mitgefühl, in Freiheit, ja in der Verzweiflung ebenso wie im überschwänglichen Glück. Somit nähere ich mich der Erfahrung von Sinn letztlich nicht im Suchen und Erklären, sondern im Loslassen, im mit mir selbst zur Ruhe kommen. Dann kann ich den Sinn und der Sinn mich finden.
Ich glaube tatsächlich daran, dass Sinn nicht zu suchen ist, sondern gefunden wird.

Sinn-erfüllendes findet sich, besser: findet mich im momenthaften Aufleuchten in meinem Leben – und wenn ich es dann festhalten und zuende-reflektieren will, ist es weg. Daher ist die Rede von Sinn für mich nur poetisch erzählbar wie zum Beispiel mit dem Gedicht von Pablo Picasso: Ich suche nicht – ich finde!"

Mariele Wischer (* 1972) hat Theologie, Biologie und Geschichte studiert und arbeitet u. a. als Lehrerin und personenzentrierte Beraterin. Sie lebt mit ihrem Sohn in Münster.


Foto: Heike Honauer
07.07.2017


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