Aktuelle Nachrichten

Sinn-Kostprobe Nr. 137: "Das Lächeln eines Fremden"


Elisa und Barbara Bispinghoff.

Barbara und Elisa Bispinghoff sind Mutter und Tochter. Beide arbeiten in sozialen Berufen. Per Smartphone diskutieren sie über "sinnvoll leben".

Elisa: Mama, ich hab einen Aufkleber – darauf steht. "Was bringt dein Herz zum Lachen?" Ist das nicht eine schöne Übersetzung für "sinnvoll leben"? Was würdest du antworten?

Barbara: Zeit haben zum Zuhören, für ein gutes Gespräch, für das Schöne im Alltag, die blühenden Rosen, das Rauschen des Meeres, die Farbenvielfalt der Natur und die Natur selbst, Gemeinschaft, aber auch Zeit für mich, Kreativität, die Freude an Kleinigkeiten und die Ruhe mich selbst reflektieren zu können … Und du?

Elisa: Das Knacken eines Einmachglases, das Knistern des Schnees, ein Kuss auf die Stirn, der Geruch des alten Fahrradschuppens, ein frisch bezogenes Bett, das Geräusch von Segelflugzeugen, der Geruch von frisch gemähtem Rasen, das Lächeln eines Fremden ... Und was noch?

Barbara: Ein achtsamer und respektvoller Umgang mit meinem Gegenüber. Wenn ich durch aufmerksames Zuhören und aufmunternde Worte in meinem Beruf dazu beitragen kann, dem einzelnen Mut zu machen, sein Leben mit der Krankheit zu meistern, bedeutet das für mich sinnvoll leben.

Elisa: Da geht’s mir ähnlich. Für mich ist das Leben lebenswert, wenn ich das Gefühl bekomme, gebraucht zu werden. Ich überlege nur, ob das fast ein bisschen egoistisch ist. Helfe ich anderen, damit ich das Gefühl vom gebraucht werden bekomme und ich mir damit meinen Lebenssinn erfülle?

Barbara: Egoistisch finde ich es erst dann, wenn du glaubst zu wissen, was der Andere braucht und du nur hilfst um Anerkennung zu erhalten.

Elisa: Oft meinen wir doch aber auch, dass wir wissen, was für den Anderen gut ist, oder?
Und ich helfe zwar nicht nur für die Anerkennung, aber wenn es mir durchs Helfen besser geht, habe ich ja irgendwo einen Nutzen davon, weswegen es dabei nicht nur um den Anderen gehen kann.

Barbara:
Es heißt: "Liebe deinen nächsten wie dich selbst". Es ist also sinnvoll, fürsorglich mit mir selber umzugehen. Das heißt meine Kräfte einteilen und mein Handeln reflektieren, aber auch die Natur, die Kommunikation mit anderen Menschen und das Schöne genießen. So erhalte ich mir die Kraft für andere Menschen da zu sein.

Elisa: Genau, ich ziehe aber eben auch Kraft daraus, für andere da zu sein und gebraucht zu werden.

Barbara: Gut, vielleicht meinen wir das Gleiche und benennen es nur anders ;) …
Was ich noch sinnvoll finde, ist für ein Ziel zu kämpfen, über sich hinaus wachsen, alle Energiereserven frei zu setzen, bis man es erreicht hat und glücklich und zufrieden mit sich selber ist. Diese berauschende Glücksgefühl nach deiner bestandenen Prüfung, du erinnerst dich?

Elisa: Ja, so ein Glücksgefühl, das Gefühl etwas geschafft zu haben, ist auf jeden Fall sinnvoll leben. Ich finde dabei nur sehr wichtig, für wen man dabei kämpft. Es gibt auch Tage, an denen ich das Gefühl habe, nur zu funktionieren und den Begriff "sinnvolles Leben" von den Werten und Normen der Gesellschaft prägen zu lassen.

Barbara:
Stimmt. Man sollte sich immer wieder hinterfragen: Was will ich eigentlich?

Elisa: Genau das frage ich mich in Bezug auf mein Studium. Hab ich das tatsächlich damals angefangen, weil ich das so wollte? Oder weil man das eben so macht nach dem Abitur? Oder um euch stolz zu machen?

Barbara:
Zugegeben, wir Eltern hoffen, dass ihr Kinder etwas aus eurem Leben macht. Ich wünsche euch, dass ihr ein glückliches und erfülltes, eigenständiges Leben führen könnt. Dazu gehört für mich ein geregeltes Einkommen.

Elisa: Ich verstehe, dass du uns wünschst, dass wir uns was leisten können, vielleicht ist das für mich irgendwann auch wichtig. Momentan genieße ich es aber, mich auf andere Werte im Leben konzentrieren zu können, als auf Geld. Und dennoch spüre ich immer wieder den Druck der Gesellschaft, in der es ohne Geld leider nicht mehr funktioniert. Es gibt sooo viele Möglichkeiten für unsere Generation, manchmal können wir uns nicht entscheiden, aus Angst etwas zu verpassen, oder die falsche Entscheidung zu treffen. Hinzu kommen die vielen Verpflichtungen, Erwartungen und Druck der Gesellschaft, etwas vorzuweisen.

Barbara:
Ist es denn nicht auch manchmal gut Verpflichtungen und Druck zu haben?

Elisa: Was ich hinterfrage, ist der Druck der gesellschaftlichen Werte und Normen, wie sie hier in Deutschland herrschen.

Barbara: Ich glaube, den meisten Druck dabei machen wir uns selber. Wir wollen schön sein, fit, gut gelaunt, gute Freunde haben, glücklich sein. Das alles geht aber nur in Gemeinschaft und die funktioniert nur, indem es bestimmte Normen, Werte gibt.

Elisa: Aber genau damit kann ich mich immer weniger identifizieren. Ich möchte nicht immer mehr und immer schöner. Ich will nur glücklich sein und dafür nicht verurteilt werden, wenn mein Weg dorthin nicht so aussieht, wie der Weg vieler anderer.
Für mich ist vielleicht sinnvoll leben, aufzuwachen und unterscheiden zu können, was ich wirklich für mich tue und was ich nicht nur tue, um hier irgendwie rein zu passen.

Barbara: Und genau deswegen bist du so wunderbar und einzigartig!

Elisa: Danke, Mama, das tut gut zu hören …

Elisa Bispinghoff (* 1991) Sozialarbeiterin, lebt seit Februar 2017 in Athen und arbeitet dort ehrenamtlich in einem Projekt, das Geflüchtete unterstützt.

Barbara Bispinghoff (* 1958), verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Kindern, seit 30 Jahren Diabetesberaterin in einem Krankenhaus.


Foto: Werner Gehlmann
23.06.2017


Sinn-Kostprobe Nr. 144: „Ein neues Verständnis für die Welt statt globales Chaos.“

„Was ist sinnvoll im Leben?“, fragen wir Thomas Grollmus, Musiker und Geschäftsführer....
> MEHR LESEN

Demokratie-Postkarten zur Bundestagswahl

Münster/Köln. „Wer Demokratie will, muss Demokaten wählen!“, sagt die KAB...
> MEHR LESEN

Sinn-Kostprobe Nr. 143: "Reisepläne"

Von den wirklichen Sehenswürdigkeiten der Welt erzählt Nikola Hollmann, Chefredakteurin...
> MEHR LESEN

Werne vor der (Bundestags-)Wahl.

Werne. Zur Diskussion "Werne vor der Wahl – Bürger bilden sich ihre...
> MEHR LESEN