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Sinn-Kostprobe Nr. 103: "Fragen an mich selbst"


Raimund Weber.

"Was gehört für Sie zu einem sinnvollen Leben?", fragen wir Raimund Weber, Deutsch-Lehrer in Kursen für Flüchtlinge.

"Seit einigen Monaten habe ich das große Glück, mich beruflich für Flüchtlinge engagieren zu dürfen. Da liegt es natürlich nah, zu sagen, dass so ein Engagement Sinn macht oder dieses Engagement gesellschaftlich wie ganz persönlich als sinnvoll, nützlich oder gar nutzbringend zu bewerten. Auch könnte die Vorstellung dazu passen, dass man in so einer Tätigkeit nun endlich Menschen "sinn-voll" helfen kann.

Klar ist: Wir leben keineswegs in einer heilen Welt. Der systematische Raubbau der wohl eher wohlhabenderen Länder an unserem Planeten erschreckt mich, obwohl ich weiß, dass ich selbst Teil einer westlichen Gesellschaft bin, die sich gerne an immer mehr Wachstum orientiert und nicht aufhören will, stets nur Erfolg haben zu wollen. "We can never get enough - wir können nie genug kriegen", kritisieren die Mitglieder des stets warnenden "Club of Rome" die Gier mancher Geldmacher an den Börsen und in den Weltkonzernen so wie das Verhalten von Menschen in den reichen Nationen.

In der Begleitung von Flüchtlingen mit traumatischen Erfahrungen bin ich genau mit diesen Themen konfrontiert. Mit der Gier als eine Ursache von global wirkender Gewalt und mit der Frage von Frieden, Gerechtigkeit und Verantwortung in meinem beruflichen Alltag. Last but not least: Ich bin konfrontiert mit meiner eigenen Gier, mit der Frage nach meinem eigenen, inneren Frieden oder auch Unfrieden. Bin ich gerecht oder eher selbstgerecht? Den Antworten auf die Spur zu kommen, macht für mich Sinn.

Die Fragen an mich selbst lauten aber auch: Wie viel Angst habe ich vor (dem) Fremden? Welche Bilder und Ansichten habe ich bislang von Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Iran oder aus Ghana? Unterliege ich gängigen Klischees? Wenn ich an die Potenziale von Flüchtlingen glauben will: Welche eigenen Potenziale habe ich entwickelt oder noch nicht entwickelt? Kann ich das Leid anderer wertschätzen? Gehe ich wertschätzend mit mir selber um?

Was ich "meinen" Flüchtlingen" sage, sage ich auch mir selbst. Verfüge ich über ausreichend Selbstfürsorgekompetenz und Empathie für mich, ist das Mitgefühl nicht weit. Hierzu unterwegs zu sein, gibt mir Sinn."

Raimund Weber unterrichtet Deutsch für Flüchtlinge beim Bildungswerk der KAB, Zweigstelle Nordmünsterland. Er war über 25 Jahre im PR-Bereich internationaler Unternehmen tätig. Heute ist er selbständiger PR-Berater im westlichen Münsterland. Raimund Weber orientiert sich an humanistischen Konzepten. In seinem Verständnis von Kommunikation ist Wertschätzung als gelebte Haltung wesentlicher Schlüssel für den unternehmerischen Erfolg.


Foto: privat
27.10.2016


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