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Sinn-Kostprobe Nr. 101: "Scham und unbändige Wut"


Audra Brinkhus-Saltys.

"Was macht Ihr Leben sinnvoll?", fragen wir Audra Brinkhus-Saltys vom Netzwerk für Menschenwürde in der Arbeitswelt.

"Die Frage, was meinem Leben Sinn gibt, hat sich mir bisher nicht gestellt.

Ich habe studiert, in Unternehmen und Schule gearbeitet, und dabei die unterschiedlichsten Menschen kennen gelernt. Eine meiner größten Freuden ist es, anderen Menschen zu begegnen und mich mit ihnen zu unterhalten. Ich höre ihnen genau zu, wenn sie von ihren Problemen berichten.

Bei meiner Tätigkeit als Deutschlehrerin in Integrationskursen kamen viele Ausländer vornehmlich aus Osteuropa auf mich zu und baten um Rat. Ihre Freunde oder Verwandten arbeiteten in verschiedenen Fleischfabriken der Region und würden von Unternehmern um einen großen Teil ihres schwer erarbeitenden Lohns gebracht. Nach Recherchen stellte ich fest, dass nicht nur die mir im Kurs genannten Leute Schwierigkeiten auf der Arbeit hatten. Durchweg alle ausländischen Arbeitnehmer, und in den zahlreichen großen Fabriken der Region sind bis zu 90 % Ausländer im Leih- oder Werkvertrag tätig, werden schlecht behandelt. Erstaunt konstatierte ich, dass eine systematische Ausbeutung der Arbeitskraft erfolgt. Die plumpe und doch so effektive Weise, wie Unternehmer dies machen, lies mich wütend werden.

Ohne der deutschen Sprache mächtig zu sein, ohne Kenntnisse des deutschen Arbeitsrechts kommen die Menschen aus Ungarn, Rumänien oder Litauen nach Deutschland. Getrieben werden sie von dem Willen, hier eine Arbeitsstelle zu finden, um dem finanziellen Elend in ihren Heimatländern zu entgehen. Dabei ist ihnen jede Arbeit recht, die angeboten wird. Im Land der Dichter und Denker, so glauben sie, ist ein Stück Glück zu finden. Hauptsache man ist fleißig und arbeitet gut.

In den Schlachtereien schuften sie dann schwer, damit ein billiges Kotelett auf unseren Tellern liegt. Pflichtarbeitszeiten von 14-16 Stunden, kaum Pausen, dabei Erbringung der Arbeitsleistung im Takt einer Sklavengaleere ist die tägliche Realität. Wer krank wird oder aufmuckt, wird sofort gekündigt. Wenn sie wieder nach Hause fahren, sind ihre Gelenke und Muskeln verschlissen. Als ob das noch nicht reicht, werden sie von den Unternehmern auf die gemeinsten Arten um große Teile ihres so schwer verdienten Lohnes gebracht.

Ich schäme mich zu sagen, dass in unserem kulturell hochstehenden Land Menschen auf der Arbeit beschimpft, erniedrigt und auf gemeinste Art ausgebeutet werden. Angst ist das beherrschende Gefühl der Beschäftigten.

Diese Missstände, die in mir eine unbändige Wut aufsteigen ließ, habe ich nicht hingenommen, sondern etwas dagegen unternommen. Ich initiierte ein Bündnis aus 16 Organisationen aus Gewerkschaft, Kirche und Politik. Gemeinsam versuchen wir, etwas gegen den Missbrauch der Arbeitnehmer zu tun. Unser Bündnis nennen wir das "Netzwerk für Menschenwürde in der Arbeitswelt". Wir haben politische Forderungen formuliert, die den Unternehmern gesetzliche Grenzen in ihrem ausbeuterischen Umgang mit Werk- und Leiharbeitern aufgeben. Durch viele Aktionen wie Demonstrationen, Unterschriftenaktion, eine rechtliche Beratungsstelle, Gespräche mit Politikern vor Ort und in Berlin, Kampagnen machen wir auf unsere Forderungen aufmerksam und fordern gesetzliche Änderungen zu Leih- und Werkverträgen. Inzwischen haben wir es erreicht, dass Politik und Unternehmen auch die Probleme sehen und was dagegen tun. Es ist noch lange nicht alles erreicht, was eine gute, gerechte Arbeit ausmacht. Aber wir haben eine Menge Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsqualität der mobilen Beschäftigten erreicht. Dafür bin ich sehr dankbar."

Audra Brinkhus-Saltys wurde 1951 in einem sog. "Ausländerlager" geboren. Inzwischen lebt sie in Bakum (Südoldenburg) und hat drei erwachsene Kinder. Die ehemalige Betriebsratsvorsitzende ist Deutschlehrerin in Integrationskursen. Sie war u. a. 10 Jahre im Gemeinderat und ist heute DGB-Vorsitzende des Landkreises Vechta. Sie ist Initiatorin des "Netzwerks für Menschenwürde in der Arbeitswelt" (MidA).


Der 7. Oktober ist der "Tag der menschenwürdigen Arbeit". Aktuelle Infos zu Aktivitäten von MidA finden Sie hier: www.facebook.com/NetzwerkMidA


Foto: privat
07.10.2016


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