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Sinn-Kostprobe Nr. 95: "Das Konsenswunder."


Jule Axmann.

"Wo begegnet Ihnen Sinn im Leben?", fragen wir Jule Axmann von Attac Deutschland.

"Natürlich gibt es sehr vieles in meinem Leben, das ihm einen Sinn verleiht – zwischenmenschliche Beziehungen stehen da, wie sicher bei den meisten, im sinnstiftenden Mittelpunkt. Eine besondere Art Beziehungen begegnet mir im persönlichen politischen Engagement wie auch bei meiner Arbeit in Attac: Wo Menschen gemeinsam Visionen entwickeln für ein gutes Leben für alle und auf dem Weg dorthin vereint um Teiletappen streiten, entsteht lebendiger Austausch, an dem alle Beteiligten wachsen können.

Bei Attac habe ich dabei besonders eins schätzen gelernt: Das Konsensprinzip, mit dem mich eine Art Hassliebe verbindet. Dazu muss man wissen, dass dieses Prinzip bei Attac sehr ernst genommen wird. Bis auf wenige Ausnahmen – Finanzfragen v. a., bei denen ein blockierendes Veto die gesamte Arbeit zum Erliegen bringen könnte – wird jede Entscheidung auf jeder Ebene im Konsensverfahren gefällt. Alle sollen sich am Ende in dieser Entscheidung wiederfinden können. Nun ist "hassen" sicher ein großes Wort, aber an späten Abenden nicht enden wollender Plena, bei denen sich die Antagonisten selbst nach Stunden nur millimeterweise aufeinander zu bewegen, oder in Situationen, in denen man gern handlungsfähig wäre, es aber nicht ist, weil kein Konsens zu finden ist, lassen sich gerne auch mal die Nerven verlieren.

Doch dann geschehen auf der anderen Seite eben auch die kleinen Konsenswunder, eine unversöhnlich und verfahren wirkende Situation löst sich wie aus dem Nichts zur Zufriedenheit aller auf. Und wenn kein Konsens gefunden wird, sind VertreterInnen beider Meinungspole gehalten, eine Konsensgruppe zu bilden, um zu einer gemeinsam tragbaren Position zu finden. So geht mit einem Veto auch die grundsätzliche Bereitschaft einher, sich in solch einer Gruppe einzubringen. Wir suchen nach gemeinsamen Lösungen, auch wenn wir uns nicht einig sind: Darin, sich nicht bei Meinungsverschiedenheiten abzuwenden, sondern sich im Gegenteil zusammenzusetzen, steckt ein großes solidarisches Moment.

Ein Konsens bedeutet nicht: Das bildet genau meine Meinung ab. Er bedeutet: Damit kann ich leben. Er kann bedeuten: Damit kann ich leben, obwohl es mehr dem entspricht, was Du wolltest, als dem, was ich wollte. Er bedeutet: Es geht nicht ums Gewinnen, sondern darum, dass wir alle am Ende gut mit dem Ergebnis leben können.
Und so steckt in dem Prozess selbst schon eine Ahnung der anderen Welt, in der wir alle gut leben können und für die wir gemeinsam streiten. Und das macht Sinn."

Jule Axmann (* 1970 in Temuco/Chile) ist seit der Eröffnung des hauptamtlichen Büros in Frankfurt im Dezember 2002 Öffentlichkeitsreferentin von Attac Deutschland. Sie hat Germanistik und Politik studiert und ist Mutter eines Zehnjährigen. Sie spielt seit vielen Jahren in Punkrockbands und hat fest vor, das bis zum Schluss so zu halten.


Foto: privat
26.08.2016


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