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Garantiertes Grundeinkommen und gute Arbeit
Birgit Zenker (KAB-Bundesvorsitzende) und Hermann Hölscheidt (KAB-Diözesansekretär).
Haltern am See/Münster. Stell dir vor, der Staat zahlt dir Geld und du musst nichts dafür tun! Keine Gegenleistung und fast keine Bedingungen, aber jeder erhält das Grundeinkommen! Ist das ein zu früher Aprilscherz oder spinnt da jemand?
Nein, aber mit der Vision vom bedingungslosen Grundeinkommen haben sich am Samstag (27.02.2010) 53 TeilnehmerInnen der Fachtagung zum Grundeinkommen in der Heimvolkshochschule Gottfried Könzgen in Haltern am See beschäftigt.
"Es geht nicht um die Anhebung von Harz IV oder römische Dekadenz. Der Untergang des dekadenten römischen Reiches beruhte übrigens auf der Tatsache, dass die Elite keine Steuern mehr zahlte und nicht auf der Leistungsverweigerung der Menge." Mit dieser Anspielung auf die aktuellen Äußerungen in der Politik eröffnete die KAB-Bundesvorsitzende Birgit Zenker ihr Referat. Die KAB befasst sich seit dem Bundesverbandstag in Erfurt 2007 intensiv mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Birgit Zenker, die auch im Netzwerk Grundeinkommen aktiv ist, stellte die Ausgangssituation unserer Gesellschaft an den Anfang ihrer Ausführungen.
Wir leben in einer Erwerbsarbeitsgesellschaft – nur Arbeit mit dem Ziele, Einkommen zu erwirtschaften, ist gesellschaftlich anerkannt. Wer in diesem Sinne keine Arbeit hat, ist ausgegrenzt. Familienarbeit und ehrenamtliche Arbeit erhalten kaum Anerkennung. Das "Share-holder-value"-Konzept (alles zum Wohle des Unternehmens) hat sich durchgesetzt. Aber die neoliberale Politik hat versagt, insbesondere für den Arbeitsmarkt. Denn damit lässt sich das Problem der Arbeitslosigkeit nicht lösen, wie die vergangenen Jahre gezeigt haben. Daher will die KAB die Arbeitsgesellschaft weiterentwickeln, von der Erwerbsarbeitsgesellschaft zur Tätigkeitsgesellschaft. Alle Arbeitsformen in der Triade der Arbeit, Erwerbs-, Familienarbeit und ehrenamtliche Arbeit, sollen gleichberechtigt sein. Dafür hat die KAB ihre Vision vom garantierten Grundeinkommen als Basis der Tätigkeitsgesellschaft entwickelt.
Der Dipl.-Kaufmann und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Aachen, Ralf Welter, erklärte den Teilnehmenden der Fachtagung die Finanzierung des Grundeinkommens. Ein existenzsicherndes Grundeinkommen ist aus seiner Sicht ohne zusätzliche Staatsschulden finanzierbar.
Birgit Zenker führte den Teilnehmenden dann die Vorteile dieses großen gesellschaftlichen Umbruchs vor Augen: Durch das Grundeinkommen wird es möglich, an allen drei Formen der Arbeit teilzuhaben. Die Fixierung auf die Erwerbsarbeit wird verringert. Die Menschen können ihren Lebensentwurf selbst bestimmen, sie verfügen über Zeitsouveränität. ArbeitnehmerInnen und Gewerkschaften werden gestärkt, keiner muss arbeiten um jeden Preis für jeden Lohn. ArbeitnehmerInnen und Arbeitgeber können sich auf Augenhöhe begegnen. Wer Arbeit anbietet, muss diese attraktiv gestalten. Jeder erhält einen Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand. Eine Kultur der gegenseitigen Sorge kann entstehen. Der Weg in eine nachhaltige Gesellschaft wird durch das Grundeinkommen geöffnet. Ein Modellversuch in Namibia hat gezeigt, dass die Leute sich nicht auf ihren Grundeinkommen ausruhen. Die Arbeitslosigkeit ist um 15 % gesunken und die Selbstständigkeit hat um 300 % zugenommen.
In der anschließenden Diskussion, die von Ortrud Harhues vom Bildungswerk der KAB im Bistum Münster geleitet wurde, war allen klar, für das garantierte Grundeinkommen ist ein gesellschaftliches Umdenken erforderlich.
In drei Arbeitsgruppen konnten die Teilnehmenden am Nachmittag Modelle für ein Grundeinkommen vergleichen, Materialien für die Beschäftigung mit dem Grundeinkommen kennen lernen oder sich kreativ der Frage widmen, was denn ein Grundeinkommen für das eigene Leben bedeuten würde.
In der Abschlussrunde, von Josef Meyers moderiert, stellten die Workshops ihre Ergebnisse vor. Aus der ersten Gruppe kam der dringende Appell gut zwischen Modellen zu unterscheiden, die wirkliche Umverteilung wollen, wie z. B. KAB, Attac oder auch der BDKJ und Modellen, die eher die Interessen der Wirtschaft oder der Gutverdienenden bedienen. Die zweite Arbeitsgruppe machte deutlich, dass man nicht nur mit Worten für ein Grundeinkommen werben kann. "Wir müssen auch die Herzen der Menschen erreichen" erklärt die Moderatorin der Gruppe, Sigrid Audick, und das geht spielerisch und mit Musik und Gottesdienstvorschlägen leichter. Fächer mit persönlichen Argumenten für ein Grundeinkommen hatte die dritte Gruppe erstellt. Mehr Wahlfreiheit und weniger Zukunftsangst waren dabei zwei entscheidende Motive.
Der neue KAB-Diözesansekretär aus Münster, Hermann Hölscheidt, versprach, das Thema Grundeinkommen in den nächsten Themenschwerpunkt der KAB nach dem Diözesantag in Dinklage mitzunehmen. Das Grundeinkommen wird in vielen gesellschaftlichen Gruppen diskutiert, daher hofft die Bundesvorsitzende Birgit Zenker, in den nächsten 10 bis 15 Jahren ein Grundeinkommen etablieren zu können, denn "das Grundeinkommen vereint alle Themen, die uns auf den Nägeln brennen". Mit diesem Fazit schloss Birgit Zenker die Fachtagung.
Lesen Sie außerdem:
Fachtagung GrundeinkommenWeitere Informationen im Internet:
- "Bedingloses Grundeinkommen" ("kirchensite.de")
- Grundeinkommen ist möglich! (HVHS)
- www.kabdvkoeln.de
Text: Dietmar Stalder
Foto: Ludger Harhues













